Kann man Kunstwerke machen, die nicht „aus Kunst gemacht“ sind?

Roundtable
 Foto: Mara Ploscaru
 Foto: Mara Ploscaru

Es ist zur leicht dahin geworfenen Floskel geworden, dass jeder vom Broker bis zum Uber-Fahrer, nach dem Modell des Künstlers beschäftigt sei. Und ständig hört man vom Schwinden der Grenzen der Kunst gegenüber Pop und Creative Industries. Was unterscheidet den Künstler vom Nicht-Künstler? Was unterscheidet das Kunstwerk von anderen Objekten? Eine Diskussion mit der Künstlerin Natascha Sadr Haghighian, dem Künstler Simon Denny und dem Ausstellungsmacher und Galeristen Alexander Koch, moderiert von Kolja Reichert.

 

Kolja Reichert: Simon, was bringt Dich morgens aus dem Bett?

Simon Denny: Deadlines bringen mich morgens aus dem Bett.

Kolja Reichert: Die Kunstwelt ist zur Industrie geworden, in der Du deine Arbeit fortwährend in Umlauf halten musst um sichtbar zu bleiben und eine Stimme zu haben. Natascha, hat das Auswirkung auf Deine Arbeit?

Natascha Sadr Haghighian: Man muss sich entscheiden, ob man diese Struktur einer Logik von Sichtbarkeit und Affirmation bedienen will. Ich glaube, es gibt viele relevante Praktiken, die in diesen Systemen einfach nicht auftauchen. Wenn du fragst, was einen morgens aufstehen lässt, dann ist die erste Frage, was man mit der eigenen Praxis verfolgt.

Kolja Reichert: Was lässt Dich denn morgens aufstehen?

Natascha Sadr Haghighian: Frustration.

Kolja Reichert: Welche Frustration war es heute?

Natascha Sadr Haghighian: Ich denke, es gibt da eine generelle Frustration, Du kannst es vielleicht auch einen Zorn auf die Welt nennen. Und ein Grund für mich künstlerisch zu arbeiten ist der Versuch, andere Welt-Entwürfe in die Vorstellungskraft einzuspeisen und dadurch meine Stimme nicht zu verlieren.

Kolja Reichert: Und wie fühlt sich das an, wenn Du eine Arbeit fertiggestellt hast wie den Rollkoffer, der langsam auf einer Plastikflasche hin und her rollt? Verwandelt sich Frust in etwas anderes, wenn Du so eine Arbeit fertig hast?

Natascha Sadr Haghighian: Ja, plötzlich hat sie einen Klang: das Knacken von Plastik, das ist ein sehr präziser Ausdruck meiner Frustration.

Kolja Reichert: Alexander, wie kamst Du zu Deinem Engagement für die Initiative Neue Auftraggeber?

Alexander Koch: Auch aus Frustration. 2002 begann ich mich mit Künstlern zu beschäftigen, die aus der Kunst ausgestiegen sind. Damals war ich mir unsicher ob es für mich Sinn macht, als Künstler zu arbeiten. Oder in der Theorie. Irgendwann, 2007, traf ich François Hers, einen belgischen Künstler, und was er sagte, traf mich sofort: In jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit erhielten Kulturproduzenten Aufträge von den Mächtigen, für sie zu arbeiten. Wie kommt es, dass dieses Privileg in einer demokratischen Gesellschaft noch immer in den Händen so weniger liegt – statt potenziell in den Händen aller? Deshalb entwickelte Hers vor 22 Jahren die Neuen Auftraggeber um Auftragsverhältnisse in der Kunst umzugestalten. Wir begannen in Deutschland damit 2007.

Kolja Reichert: Hast Du ein Beispiel dafür?

Alexander Koch: In einer Krebsklinik in Marseille erkannten 1997 drei Krankenschwestern, dass es keinen geeigneten Ort für Verwandte und Freunde gab, die gerade jemanden verloren hatten. Marseille ist eine Gemeinde mit vielen Konfessionen. Wie konnte man also einen symbolischen Ort schaffen, der den Bedürfnissen der unterschiedlichen Glaubensrichtungen gerecht wird? Die Mediatoren der Neuen Auftraggeber schlugen vor, dass Michelangelo Pistoletto einen multikonfessionellen Raum gestalten könnte und brachten Vertreter aller Glaubensgemeinschaften der Stadt zusammen. Am Anfang geht es nicht um Kunst. Es geht darum, was man verändern will, und um die Konflikte, die im Spiel sind. Es kann passieren, dass man erst zwei Jahre lang diskutiert, bevor man überhaupt darüber nachdenkt, ob man eine Oper braucht, eine Skulptur oder eine Schule.

Kolja Reichert: Fühlt sich das gut an, außerhalb der Aura der Kunstwelt zu arbeiten?

Alexander Koch: Total. Es ist der Ausgleich, den ich brauche, vor allem wenn ich an Projekten in Kamerun, Nigeria oder in anderen Ländern arbeite, in denen ich mit ganz anderen Fragen als sonst konfrontiert bin. Du hast eine Legitimation etwas zu produzieren, weil es eine reale Nachfrage gibt. Während du bei Künstlern, die unabhängig in ihrem Atelier arbeiten, nie sicher sein kannst, was die Nachfrage überhaupt ist. Oft versuchen Galerien die Nachfrage im Nachhinein zu erzeugen.

Kolja Reichert: Man sagt, dass Banker nur über Kunst reden und Künstler nur über Geld. Redet Ihr mit Euren Freunden eher über Geld oder über Kunst?

Simon Denny: Wir sprechen über Banker und über Geld. [Lachen] Ich habe die Financial Times im Abo.

Kolja Reichert: Deine Arbeit scheint einige Routinen bildender Kunst zu unterlaufen. Teilst Du die alte Ansicht, dass ein Künstler gegen die Kunst sein muss, sie irgendwie sabotieren muss?

Simon Denny: Nein. Ich denke, es ist gut auf eine Situation zu reagieren, ob in der täglichen Arbeit oder für einen bestimmten Auftrag wie einen Pavillon. Ein Nationalpavillon für Venedig ist ganz ähnlich wie das, wovon Alexander gesprochen hat: Es sind sehr viele Leute involviert, die unterschiedliche Erwartungen haben. Und auf eine Art zu arbeiten, die dieser Komplexität gerecht wird, ist eine gute Möglichkeit um etwas zu machen, das Wirkung hat.

 

"Ich finde alle Formen, die als selbstverständlich hingenommen werden, uninteressant. Mich interessiert, was man hinzufügen oder wegnehmen kann, so dass sie außer Kraft gesetzt und wieder verhandelbar werden."

 

Kolja Reichert: Natascha, zu dem was Du vorher gesagt hast, dass man bestimmte Formate nicht bedienen muss: Du vermeidest Porträtfotos und schickst nie Deinen Lebenslauf. Stattdessen lädst Du Kulturproduzenten ein, über die Website bioswop.net Lebensläufe zu tauschen. Wie kamst Du darauf? Natascha Sadr Haghighian: Ich fand Lebensläufe einfach langweilig.

Kolja Reichert: Das kann nicht der einzige Grund sein. Da ist doch bestimmt auch ein politisches Interesse dahinter.

Natascha Sadr Haghighian: Die erste Idee war, mich über Lebensläufe lustig zu machen und dadurch ihre Funktion zu destabilisieren. Wenn ich ein Projekt angehe, nehme ich immer eine spezifische Situation in den Blick. Was macht sie, was sind ihre Bestandteile, gefällt mir das, was sie mit mir macht. Und dann fängst du an, damit zu spielen, lockerst ein paar Schrauben, schaust, wann es anfängt zu wackeln und was passiert, wenn es instabil wird.

Kolja Reichert: Immer mehr muss man sich in der Kunstwelt als Name und Gesicht präsent halten, als Marke. Wir müssen in die Bank der Blicke einzahlen um überhaupt gesehen zu werden. Indem Du Dich Porträtfotos verweigerst, arbeitest Du auf eine Art dagegen an.

Natascha Sadr Haghighian: Ich finde alle Formen, die als selbstverständlich hingenommen werden, uninteressant. Mich interessiert, was man hinzufügen oder wegnehmen kann, so dass sie außer Kraft gesetzt und wieder verhandelbar werden.

Simon Denny: Aber am Ende machst Du so – vor allem mit diesem Projekt – einfach das bessere Marketing. Es stimmt, Lebensläufe sind langweilig, niemand will sie lesen. Wenn du etwas machst, das sich von einem normalen Lebenslauf abhebt, dann machst du automatisch einen interessanteren Lebenslauf. [Lachen]. Du bildest deine Marke besser aus, indem du die üblichen Arbeitsroutinen störst. Das ist eine klassische Malcom-McLaren-Strategie: Das Anti-Marketing des Punk funktionierte wegen der Marketingvielfalt in dieser Industrie der Über-Promotion. Es ist das gleiche. Wenn du eine Norm genau erkennen kannst und dich davon abhebst, dann wächst der Wert deiner Marke. Das ist eine Frage von Marketing. Und deshalb gefällt mir Deine Arbeit so gut, weil dein Marketing interessanter ist als das von anderen. [Lachen.]

Kolja Reichert: Als wir vorhin Porträtfotos aller Teilnehmer gemacht haben, kamst Du auf die Idee, einen Smiley auf die Wand zu zeichnen. Damit bist Du nicht als Gesicht präsent, sondern als Zeichnung. Ist das nicht das mächtigere Bild, das Nicht- Bild? Ist in einer Welt voller Proxy-Fotos das leise Bild nicht das lautere Bild?

Natascha Sadr Haghighian: Simon kann das wahrscheinlich viel besser analysieren [lacht] …

Simon Denny: Ja, man hat zwei langweilige Porträts und dann eine Zeichnung, wo man ein Foto erwartet. Und wieder das bessere Produkt.

Alexander Koch: Das ist ein interessanter Moment: Was immer man macht, was immer man sagt, wird in einen Kontext von Profitmaximierung gerückt, von Branding und so weiter. Das heißt, man schaut sich nicht mal die Geste an. Damit meine ich nicht unbedingt Dich, Simon …. [Lachen] Das ist der Mechanismus, der immer am Werk ist, egal was man macht. Wir kennen diese Argumentation sehr gut. Hey KOW, toll, ihr arbeitet an einem Programm, das sich gesellschaftlicher Bezüge bewusst ist. Großartiges Geschäftsmodell! Wir verwenden das Wort „politisch“ eigentlich nicht, das tun eher andere.

Simon Denny: [scherzt] Das ist noch besser: Lass’ die Medien die Werbung für dich machen!

Alexander Koch: Ist das nicht eine coole Brand, also, was für eine coole Distinktion, oder? Das ist wahrscheinlich die beste Erfolgsstrategie, die du haben kannst. Es war nicht als eine gedacht, aber klar, wenn wir Erfolg haben, sagen wir nicht Nein. Uns geht es darum Positionen und Überzeugungen, die wir teilen, sichtbar zu machen, weil wir es wichtig finden, diese Argumente weiter in die Gesellschaft hineinzutragen, die Stimmen zu verstärken. Wenn du daran nicht glaubst, solltest du keine Galerie gründen. Wir glauben an die Produktion von Kunstobjekten und den Einfluss, den sie auf das gesellschaftliche Imaginäre haben können, die Langzeitwirkung. Man braucht dafür Werkzeuge, die Galerie ist eines davon. Aber das heißt nicht, dass wir sie wegen des Erfolgs machen. Wir wollen das Projekt, und der Erfolg ist ein Mittel, damit es funktioniert.

Simon Denny: Eben, es gibt hier also gar keinen Konflikt. Es ist Teil eines Kunstwerks, ein Publikum dafür zu schaffen. Ob es sich um eine Erfahrung oder ein Objekt oder was auch immer handelt, am Ende steht immer ein Produkt. Und das willst du richtig unterbringen, und eine Art zu verstehen wie das geht, ist gutes Marketing.

Natascha Sadr Haghighian: Kannst Du erklären, was für Dich ein Produkt ist?

Simon Denny: Ein Produkt kann alles sein, was man konsumiert, auf jede Weise, in jedem Format und in jeder Form. Es ist ein Format für eine Erfahrung.

Natascha Sadr Haghighian: Gibt es Erfahrungen außerhalb des Konsumierens? [Lachen.] Das ist doch eine interessante Frage, oder nicht? Ich würde das wirklich gerne wissen.

Simon Denny: Mich interessiert diese Frage nicht besonders. Ich denke nicht, dass es für mich wichtig ist, darauf eine Antwort zu finden.

Natascha Sadr Haghighian: Wir sind hier in der Rosa-Luxemburg- Straße. Rosa Luxemburg hat gesagt, dass der Kapitalismus sich immer von seinem Außen ernährt. Wenn du ihn zerstören willst, musst du aufhören, ein Außen zu erzeugen. Ich verkürze hier das Argument, aber: Am besten zerstört man ihn durch Überaffirmation, oder?

Simon Denny: Ich will den Kapitalismus nicht zerstören, das ist nicht mein Ziel.

Natascha Sadr Haghighian: Was willst Du zerstören? [Lachen]

Simon Denny: Das ist einfach nicht mein Ziel, mein Ziel ist interessanten Content zu produzieren.

 

"Ich zitiere ungern Niklas Luhmann, aber ich glaube, er hat gesagt: „Kunst ist Kommunikationsunterbrechung“

 

Kolja Reichert: Wird Kunst nicht sowieso zunehmend Content, egal was sie tut? Für Galerien scheint es keinen großen Unterschied zu machen, welche Künstler genau sie im Programm haben, Hauptsache divers. Künstler wiederum müssen die ver schiedensten Formate bedienen und sich bei den verschiedensten Anlässen zeigen. Aber es scheint immer weniger einen Unterschied zu machen, was genau du in deiner Arbeit eigentlich machst.

Simon Denny: Es ist eine Frage von Marketing. Manche Positionen funktionieren gut, wenn sie extrem oder einfach nur die extreme Zuspitzung einer Marke sind. Manche arbeiten mit einer größeren Vielfalt. Das sind unterschiedliche Profile.

 

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Kolja Reichert: Natascha, siehst Du das auch so?

Natascha Sadr Haghighian: Nein, natürlich nicht. Weil ich einer anderen Strategie folge als Simon. Für mich ist Content völlig irrelevant. Nicht weil er mir keinen Spaß machen würde. Ich konsumiere auch regelmäßig Content, aber ich interessiere mich mehr für Struktur, deshalb wäre das Dateiformat für mich das Interessantere ….

Simon Denny: Und inwiefern soll das kein Content sein?

Natascha Sadr Haghighian: Für mich ist das Struktur. Content wären die Daten in der Datei, aber das Format selbst ist die Art, wie sie formatiert ist.

Simon Denny: Aber es gibt künstlerische Strategien, die aus Struktur Content machen.

Natascha Sadr Haghighian: Okay, dann käme es darauf an, auf welche Art das geschieht. Wenn es Content wird, nur um Content zu sein, ist es für mich nicht mehr interessant.

Simon Denny: Aber das heißt nur, dass es kein guter Content ist, dass es kein interessanter Inhalt mehr ist. Ich stimme Dir zu, dass die Struktur sehr wichtig dafür ist wie wir den Inhalt aufnehmen, oder dass die Art und Weise wie uns der Inhalt erreicht zum Inhalt gehört.

Natascha Sadr Haghighian: Wenn ich das Interesse an Content verliere, dann nicht, weil ich nicht gerne konsumieren würde, sondern eher aus strategischen Gründen. Weil ein System versucht, mich mit Content abzulenken, damit ich nicht über die Struktur nachdenke. Deshalb ist es für mich wichtiger, das Interesse an Content zu verlieren und mich mit der Struktur zu beschäftigen, zu sehen woraus die Dinge gemacht sind.

Alexander Koch: Ich zitiere ungern Niklas Luhmann, aber ich glaube, er hat gesagt: „Kunst ist Kommunikationsunterbrechung“. Die Frage ist, ob man im bestehenden Austausch von Content mitspielen will oder ob man eine Struktur schafft, die tatsächlich ein Problem darstellt. Das heißt, eine Struktur, die den Kommunikationsfluss unterbricht, könnte es uns überhaupt erst ermöglichen, Content zu schaffen. Das ist der Begriff Emanzipation, den ich als Betrachter habe.

Natascha Sadr Haghighian: Content funktioniert heute ähnlich wie die Idole der Vergangenheit, als Bilder Repräsentationen von etwas waren. Jetzt scheint Content das vorherrschende Modell von Repräsentation zu sein. Eines, das wir nicht unbedingt auf die Gegenstände in der Welt rückbeziehen, die er repräsentiert. Unsere Browser haben dreißig Fenster zugleich offen, voll mit Content, den irgendjemand in sozialen Netzwerken gepostet hat und der wichtig aussah. Wir gehen in Ausstellungen mit zwanzig Videos, jedes dauert eine Stunde, alle handeln von einem wichtigen politischen Thema, das jemand jahrelang recherchiert hat…. Das alles ist Content und hat mit tatsächlichen Ereignissen in der Welt zu tun, aber gezeigt wird es in abgeschlossenen Formaten. Ich frage mich, wie man das wieder ins Verhältnis setzen und den Schmerz erzeugen kann, der zwischen einer Repräsentation und einem Ding herrscht.

 

"Mir scheint, dass Du Content als etwas sehr Flaches definierst, und ich denke nicht, dass Content flach ist. Ich denke, langweiliger Content ist langweiliger Content und toller Content ist toller Content..."

 

Simon Denny: Du willst den Content, der mehr Stoff hat, der unbequemer ist; oder du willst etwas, was XY mehr infrage stellt. Für mich ist das einfach eine bessere Erfahrung.

Alexander Koch: In einem Punkt will ich ganz klar sein: Ich glaube wirklich nicht, dass Kunstwerke Inhalt enthalten. Ich denke, Inhalt ist die Bedeutung, die wir ihnen geben. Ich würde nie sagen, dass ein Kunstwerk Content enthält, weil das für mich hieße, dass es Teil einer Kommunikation ist: Jemand legt etwas hinein, das am anderen Ende bei mir ankommt. Wenn Kommunikation neue Wege findet, wenn wir unsere Vorstellungen in Zweifel ziehen müssen, unsere Begriffe und Sichtweisen, dann fangen wir an woanders hinzukommen.

Simon Denny: Dann ist es vielleicht nur eine Frage der Formulierung. Ich habe auch gerne eine sehr komplexe Kunsterfahrung. Nur, welches kulturelle Erlebnis ist denn überhaupt so eins zu eins? Jedes kulturelle Produkt, auf das ich mich einlasse, ob es eine Fernsehshow ist oder ein Film, egal was, ist dann am interessantesten, wenn es viele Fragen darüber aufwirft, wie du es wahrnimmst und was es mit dir anstellt. Das macht ein starkes Produkt aus. Und Kunst kann mit Formaten anders arbeiten als Fernsehen. Sie hat so viele verschiedene Formate zur Verfügung. Das Format kann Teil der Fragen werden, die sich stellen, wenn du davor stehst; es kann selbst in die Textur eingehen. Mir scheint, dass Du Content als etwas sehr Flaches definierst, und ich denke nicht, dass Content flach ist. Ich denke, langweiliger Content ist langweiliger Content und toller Content ist toller Content, das heißt nuanciert, anspruchsvoll, kompliziert …

Kolja Reichert: Für Dich sind also die Formen, die im Spiel sind, und die Formate, die einbezogen werden, Teil des Contents einer Arbeit.

Simon Denny: Natürlich! Natascha Sadr Haghighian: Deine Arbeit dreht sich so sehr um Formate. Simon Denny: Ja, das gilt für viele Arbeiten, die ich bisher gemacht habe. Du musst eben dein Handwerk beherrschen, oder?

 

"Eine Ausstellung ist Handwerk, Sachen außerhalb der Ausstellung sind Handwerk. Eine SMS, die dir in den Arsch tritt, ist Handwerk. Du musst das Handwerk kennen, um das Material gut einzusetzen, so einfach ist das."

 

Kolja Reichert: Aber definiert sich Deine Arbeit über die Formate, die Du zusammenbringst, oder geht es noch um mehr?

Simon Denny: Mein Produkt ist das Herstellen von Ausstellungserfahrungen.

Kolja Reichert: Und ist Dein Produkt darauf angelegt, disruptiv zu sein?

Simon Denny: Ich denke, es benutzt Disruption als Begriff, der eine Rolle spielt. Der Begriff Disruption wird gerade viel verwendet, in ganz unterschiedlichen Kontexten, und deshalb bietet er sich so gut an um hinterfragt zu werden. Ich bin ein großer Fan von beiden hier und ihrer Arbeit, weil sie wirklich komplizierte Produkte herstellen. Wenn ich mir ein Projekt von Natascha anschaue, ist das so reichhaltig, und da gibt es so viel, auf das man sich einlassen und auf so viele Weisen erfahren kann. Das versuche ich auch in meiner Produktion zu erreichen.

Kolja Reichert: Es scheint, als wäre Luhmanns Gedanke der Unterbrechung ganz im System aufgegangen. Was bedeutet es, dass die Idee der Disruption jetzt eine ganze Ökonomie geprägt hat? Wie unterscheidet sich Kunst noch von anderen Produktionen, wenn sich der Startup-Unternehmer beim Pitch vor einem Investor wie ein Künstler verkaufen muss?

Simon Denny: Es ist ein anderer Markt. Es ist ein anderes Modell. Es gibt so viele Unterschiede, es ist schwer, das zu verallgemeinern. Ich versuche nicht, eine Tech-Firma zu gründen. Man könnte die Gründung einer Tech-Firma zur künstlerischen Arbeit machen, und das könnte auch interessant sein. Um den Kontext besser zu verstehen, war für mich die Beschäftigung mit Clayton M. Christensens Buch „The Innovator’s Dilemma“ sehr interessant. Der Grundgedanke ist der: Eine erfolgreiche Firma hat ein Produkt, das sehr gut läuft und sich gut verkauft und kann es daher nicht rechtfertigen, Budgets für etwas Neues freizumachen, das zunächst absurd scheint und vielleicht erst in der Zukunft gut läuft. Eine junge Firma kann das. Sie ist beweglicher, eher in der Lage ein beliebiges Produkt zu entwickeln, für das es noch keinen Markt gibt, und hängt nicht so an der Trägheit des bestehenden erfolgreichen Business Modells, auf dem ihre Struktur beruht. Das ist Disruption in der Tech- Welt. Ich denke, Disruption in dem Sinn, wie wir ihn in der Kunst verwenden, hat damit nicht so viel zu tun.

Alexander Koch: Ich komme da aus einer ganz anderen Richtung. Ich frage mich, warum das Modell des Künstlers so omnipräsent geworden ist. Seit wir die Kontingenz des Selbst verstanden haben, dass wir uns aus historischen Traditionen, Institutionen und Identitäten gelöst haben, sehen wir uns als Erschaffer unserer Realität, auch wenn es all diese anderen Faktoren gibt, die uns erschaffen. Letztlich geht es um ein Schöpfungsphänomen. Irgendwann entsteht diese Perspektive, in der Künstler zum gottgleichen Schöpfermythos werden, zu Leuten, die Wasser in Wein verwandeln.

 

"Der Mythos des Künstlers ist auf jeden Fall außerhalb der Kunstwelt viel traditioneller und konservativer"

 

Kolja Reichert: Was auch Finanzspekulanten ihren Kunden versprechen. Alexander Koch: Es wird zu einem alles umfassenden Vokabular, dass jeder der Erschaffer seiner selbst ist, der Gesellschaft, der Welt. Hier kommt der Künstler als klassischer Schöpfer ins Spiel. Und im nächsten Schritt wird dieses Rollenmodell in verschiedensten Zusammenhängen instrumentalisiert. Die Frage ist: Wie verhalten wir uns dazu?

Natascha Sadr Haghighian: Das ist der Mythos, und er ist extrem mächtig und erfolgreich, während er zugleich völlig hohl ist. In dem Duchamp-Zitat, das Ihr dem Abend vorangestellt habt: „Kann man Werke herstellen, die nicht ‚aus Kunst‘ sind?“ habe ich zwei Wörter eingekreist: „man“ und „herstellen“. Wie verstehen wir den Satz heute? Wer stellt heute die Kunst her? Ist es jeder, weil jeder ein Künstler sein kann? Ist es die Praktikantin, die Assistentin, die Herstellerin, die Produktionsfirma oder die Skulpturenfabrik in China? Und was ist eigentlich dieses „Herstellen“ von Kunst? Ist es die Fähigkeit, eine Idee zu haben? Oder ist es der Akt der Fertigung? All diese Dinge hängen wirklich in der Schwebe, aber sie lassen sich nicht aushandeln, weil dieser Mythos so erfolgreich ist. Der Künstler muss um jeden Preis der Erzeuger bleiben; das ist der Einsatz, auf den gewettet wird.

Alexander Koch: Der Mythos des Künstlers ist auf jeden Fall außerhalb der Kunstwelt viel traditioneller und konservativer. Aber dass Künstler offenbar für viele Menschen in vielen unterschiedlichen Gesellschaften so verführerisch und attraktiv sind, ist nichts weswegen wir nur frustriert sein sollten oder uns beklagen, wir würden instrumentalisiert. Es gibt da auch eine Chance: Was kann man aus dieser Gelegenheit machen?

Simon Denny: Auf jeden Fall.

Alexander Koch: Da sind wir uns mal einig! [Lachen]

Simon Denny: Der Meinung war ich die ganze Zeit.

Kolja Reichert: Aber gilt das Interesse wirklich dem, was wir hier Content nennen, oder geht es nicht vielmehr um den Künstler selbst als Content? Wenn wir Miley Cyrus anschauen: Leute, die alles haben und überall sein können, müssen heute wohl auch noch bildende Künstler werden. Warum?

Simon Denny: Weil es eine tolle Form ist! Was Alexander gerade gesagt hat, lässt sich auch so verstehen, dass es ein wachsendes Publikum für das gibt, was wir tun. Miley Cyrus, sehr smarte Produzentin. Warum sollte man das nicht in die bestehenden Kompetenzen mitaufnehmen? Alexander Koch: Man könnte auch sagen, dass es hier um den Mythos der Selbstbestimmung geht. Für Lady Gaga ist es interessant zu sagen: Ich bin Herrin meiner selbst, und in der Kunstwelt kann ich meine selbstbestimmte Identität vorführen, vielleicht sogar besser als in der Musikindustrie. In diesem Mythos liegt ein Versprechen für alle, die in Bedingungen klar kommen müssen, die sie nicht kontrollieren. Es gibt ein Bedürfnis nach Kontrolle über das eigene Leben, die eigene Produktivität, die eigene Stimme. Das Künstlermodell verspricht das.

 

Aus dem Englischen von der Redaktion 

Der studierte Künstler ALEXANDER KOCH (*1973) ist Co-Direktor der Galerie KOW in Berlin. 2008 gründete er den deutschen Verein des internationalen Netzwerks Neue Auftraggeber mit, das Bürger dabei unterstützt, entsprechend ihrer sozialen Belange Kunst in Auftrag zu geben. 2013 weitete er die Initiative auf Nigeria, Kamerun und Südafrika aus. Am 28. Mai 2015 eröffnet die von ihm kuratierte Schau „Gestures of Disappearance“ in der Kunsthalle Bergen.

SIMON DENNY (*1982) ist Künstler und lebt in Berlin. Am 3. April 2015 eröffnet seine Einzelausstellung im MoMA P.S.1 in New York. Parallel gestaltet er den neuseeländischen Pavillon auf der 56. Biennale von Venedig. Simon Denny wird von der Galerie Daniel Buchholz Berlin/Köln, Petzel Gallery, New York und T293, Neapel vertreten.

Die Künstlerin NATASCHA SADR HAGHIGHIAN (*1987 in Budapest) stellte 2011 bei Scobart Projekt in Budapest sowie FIKA in Pécs (H) aus und nahm bei der Gruppenausstellung „Prostitution“ in der Demo Gallery in Budapest teil. Sie lebt in Budapest und Berlin. (Diese Biografie wurde von bioswop.net erstellt). Natascha Sadr Haghighian wird von der König Galerie, Berlin und Carroll/Fletcher, London vertreten.

KOLJA REICHERT ist Autor und Spike-Redakteur. Er lebt in Berlin.