Statements

Was macht die politische Rechte mit der Kultur in Europa?
 Hans Haacke, Germania, installation view German pavilion, 45th Venice Biennale, 1993
 Hans Haacke Der Bevölkerung  (2000), installation view Bundestag, Berlin

Trotz Datamining, Trollfabriken und Informationskrieg ist auch die traditionelle Kulturproduktion wieder Schauplatz von Kulturkämpfen. Wo stehen wir heute, in einem Europa, das immer mehr nach rechts rückt? Wir haben vier Protagonisten aus dem Kulturleben nach dem Einfluss gefragt, den die politische Rechte auf die Kultur in ihrem Land hat.

 

DEUTSCHLAND

Von Schorsch Kamerun

Ich halte den Einfluss der politischen Rechten auf die Kultur in Deutschland noch für relativ gering, es fehlt an Entscheidungsmacht. Die Gründe, warum es in Deutschland bisher wenig durchschlägt, während die neuen Rechten in anderen Ländern schon ein gutes Stück weitergekommen sind, sind komplex. Es schwankt zwischen Zufall, der besonderen deutschen Historie und der Untauglichkeit der zentralen Frontfiguren, die es für stark personenbezogene Bewegungen unbedingt braucht: Haider in Österreich, Blocher in der Schweiz, Le Pen in Frankreich sind nur einige Beispiele. 

Aufschreie wie „So schlimm ist es also schon!“ erlebe ich eher wie Loops, wie immer wiederkehrende Geschichten. Die Symbole, Plattitüden und Forderungen empfinde ich nie als neu, es gab sie schon immer, so wie Neonazis ein permanentes Phänomen sind – die übrigens nicht gerade im Verborgenen agieren. Nur die medialen Aufmerksamkeitsbereitschaften schwanken, aufgrund mehr oder weniger krachenden Ereignissen. Die Strategie der permanenten Angstmache fruchtet aktuell leider sehr erfolgreich. Allerdings, was sich jetzt „Abendland“-rettenwollende „Pegida“ nennt oder sich gar als „Alternative“ für etwas ausgibt, ist im Kern nur upgedatete Stammtischscheiße von eh und je. Ich höre das, seit ich fünf bin. Nur ist es diesmal erschreckend global, und auch das Rechts-Sein des Bürgertums hat sich deutlich erhöht. Es drückt sich offensiv und selbstbewusst aus. Deutschland hat jetzt plötzlich einen Heimatminister, was wirklich eine Zäsur ist. Auch polizeiliche Handhaben werden krass ausgeweitet, wie man an den kommenden, stark erweiterten Eingriffsmöglichkeiten bei bloßem „Verdacht auf Gefährdung“ sehen kann. 

Dennoch, neu sind die Pegidas und AfDs nicht – ob es nun früher Deutsche Volksunion hieß oder wie auch immer. Der Unterschied ist, dass sie heute versuchen, sich mit kraftmeierischem Anspruch „mittiger“ einzuklagen, dabei in ihren Forderungen aber so radikal bleiben wie saubere Rechte. Das ist eine Veränderung und nimmt zu, ist bundestagstauglich, regional zwar noch unterschiedlich, aber es verschiebt sich deutlich etwas. Vorbei ist die Zeit, wo man sagte: „Wie ist das eigentlich, wo sind die klaren Feindbilder?“ Die waren ja einmal ein bisschen verschwunden – jedenfalls auf einer größeren politischen Ebene. Auch wenn man von Obama halten mag, was man will, gibt es einen Unterschied zu Trump. Der autoritäre Protektionismus kehrt weltweit zurück, als Wiederholung zwar, aber diesmal viel deutlicher. 

Eine neue Gegenkultur lässt sich noch nicht erkennen, vielleicht braucht es dafür noch mehr Unerträglichkeit oder den direkten Schlag am eigenen Leib. Ansonsten scheint er bereit zu sein, recht weit mitzugehen, beim Ertragen, der Mensch.

 

SCHORSCH KAMERUN ist Sänger der Band Die Goldenen Zitronen, Autor, Theaterregisseur und Betreiber des Golden Pudel Club in Hamburg. Er lebt in Hamburg.

 

 

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POLEN

Von Karol Radziszewski

Als Polens aktuelle rechtskonservative Regierung 2005 schon mal im Amt war, führte ihre Politik zu zahlreichen Protestaktionen in der Kunstszene. Ich erinnere mich an einen Abgeordneten, der vorschlug, offen schwul lebende Lehrer mit Berufsverbot zu belegen, was mich unter anderem dazu bewegte die Ausstellung „Fags“ zu machen, die als erste offen homosexuelle Ausstellung in der Geschichte Polens gilt. Im selben Jahr verbot Warschaus Bürgermeister Lech Kaczyński die Equality Parade (das polnische Pendant zur Pride Parade) und löste eine Protestwelle aus. Diese Bewegungen stärkten die Community, und wir waren sehr geschockt, als die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ 2015 nach fast einem Jahrzehnt liberaler Regierungen wiedergewählt wurde. 

Zu Beginn hatte das Kulturministerium keinerlei Interesse an bildender Kunst. Der Einfluss der Regierung war nur bei Film und Theater, die ein größeres Publikum erreichen, zu spüren. Zunächst wurde das Polnische Film Institut (PISF) umstrukturiert und eine Jury ins Leben gerufen, die die Entwicklung des nationalen Kinos nach Hollywoodvorbild vorantreiben sollte und die Filmemacher bestraft, die sich widersetzen. Später traf die Zensur das Theater, was ein Ensemble fast in den Ruin trieb und alle anderen Kunstinstitutionen in einen Zustand dauerhafter Anspannung versetzte. Aber auch Tendenzen zur Selbstzensur entwickelten sich: Kontroversen werden im Vorhinein umgangen, und man widmet sich eher neutralen Themen – abstrakte Avantgarde statt dringliche sozio-politische Botschaften. In letzter Zeit nahmen die repressiven Maßnahmen der Regierung noch zu. Sie strich sämtliche Förderungen für gewisse Ausstellungsräume (darunter die Gdansk City Gallery, die Labyrinth Gallery in Lublin und die Galeria Arsenał in Białystok) und Publikationen (Kultura Liberalna, Ha!art, Znak) und verlagerte ihre Unterstützung zu denen, die der nationalistischen Propaganda der Regierung mehr entsprechen (Christianitas, Fronda Lux, Arcana). 

Der rechtskonservativen Regierung ist Geschichte sehr wichtig, zumindest solange sie die Möglichkeit hat, ihre eigene zu erzählen. Neben Protesten im öffentlichen Raum kann die Kunst hier eine besondere Rolle spielen. Auch wenn es kaum Hoffnung auf kurzfristigen Erfolg gibt, liegt großes Potential darin, eigene Narrative zu schaffen, unseren eigenen Helden zu folgen, wie etwa Rosa Luxemburg, und inspirierende Geschichten zu erzählen, die subversiv die Aufmerksamkeit auf ein neues Denkens lenken (man denke an den nigerianischen Jazz-Musiker August Agbola O’Browne, der vermutlich der einzige schwarze Beteiligte am Aufstand im Warschauer Ghetto war). Auf diesem Wege, und zusammen mit Aktivisten und Akademikern, können wir an echten Alternativen zu Fremdenhass und Nationalismus arbeiten. Ob diese Strategie effektiv ist, wird allerdings allein die Zukunft zeigen.

Übersetzt von Nicholas Tech

 

KAROL RADZISZEWSKI ist Künstler, Herausgeber und Chefredakteur des DIK Fagzine und Gründer des Queer Archives Institute. Er lebt in Warschau.

 

– Eva Blimlingers Sicht auf die Lage in Österreich und Gergely Nagys Zusammenfassung der Situation in Ungarn sind in Spike Art Quarterly #56 erschienen, das in unserem Online Shop erhältlich ist –