Tops & Flops der Venedig Biennale

 Okwui Enwezor fotografiert Kanye West 
 John Akomfrah (Film still)
 Wo war er nur? 
  Theaster Gates, Martyr Construction, 2015  
 Eine Parfum-Werbung? 
 Top Text Simon Denny Ausstellung 
 Adel Abdessemed und Bruce Nauman
 Jean-Luc Moulène  
 Henri Rousseau, Cheval attaqué par un jaguar, 1910  

REFLEKTION DER ROLLE DER KUNST
Harun Farocki, Lim Heung-Soon, Mika Rottenberg, Karl Marx: Das eigentliche Thema von Enwezors Ausstellung scheint die menschliche Arbeit zu sein. Nur bleibt dabei die Arbeit der Kunst selbst merkwürdig ausgeblendet. Was bringt die allseitige Ästhetisierung von Krieg und Einkommensunterschieden, und wem? Was haben die Musiker in Kinshasa davon, in Carsten Höllers und Måns Månssons Film „Fara Fara“ (2014) aufzutreten? Und worin liegt die Leistung der Künstler, außer im Abgreifen kulturellen Reichtums? Ja, die Welt ist in Aufruhr und voller Ungerechtigkeit, ein Selbstbedienungsladen für politisch engagierte Kunst. Doch wenn eine Ausstellung nicht die Ökonomie thematisiert, welche die einen zu Bildkonsumenten macht und die anderen zu Bildern, dann ist sie Lessingsches Rührungstheater, nicht ernsthaft an Veränderung interessiert. (kjr)

sad FLOP
 

 

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JOHN AKOMFRAH, VERTIGO SEA, GIARDINI 
Eine 3-Kanal-Filminstallation, sachte mit Musik und wenigen Sätzen unterlegt: Walbilder, Fischbilder, Vogelschwarmbilder, Blut- und Zerstörungsbilder. National-Geographic-Bilder, irre schöne Bilder, kraftvolle Bilder. Der 1957 in Ghana geborene, in London lebende Akomfrah präsentiert hier eine Meditation über den Walfang, das Jagen, unser Verhältnis zur Natur. So wie eine Meditation weder traurig, noch trostspendend sein kann, funktioniert auch dieser Film: Die epische Moby Dick Erzählung ist das zentrale Werk der Hauptausstellung, vielleicht der ganzen Biennale. Weil sie das kollektive Kollaterale sucht und findet, eine Zukunft, die wir als Menschen teilen. Und weil sie das schafft, was bei dieser Biennaleausgabe viel zu selten der Fall ist: Ausgezeichnete, große, neue Arbeit, die sich einbrennt, die uns Venedig verlassen lässt mit einem Glauben und einer Erfahrung. (tf)

smiley TOP 

 

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FLÜCHTLINGE IN ITALIEN
Permanent fahren wir mit unseren Bötchen von Insel zu Insel, auf die Parties der Pavillons, mit gespreizten Fingern am Champagner(Pardon, in Italien nur Prosecco!)glas und genießen die gute Aussicht auf die gute alte Stadt Venedig. Über die gute alte Festung Europa gibt es keinen guten Beitrag auf der ganzen Biennale. Auf dem Japanischen Pavillon hängt ein Boot in der Luft, drum herum Schlüssel. Kitschkacke ohne Präzision, ohne konkreten Zusammenhang, ohne Power. All the World’s Futures - es wäre nötig gewesen. (tf)

frown FLOP

 

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THEASTER GATES, MARTYR CONSTRUCTION, ARSENALE
Gates setzt in jedem Punkt seiner Arbeit am eigenen Umfeld an, und daher rührt wohl auch die Energie seiner Raumtransferierungen. In einer verlassenen Kirche in Chicago sitzt ein Cellospieler, singt ein Gospelsänger und werfen zwei Männer krachend alte Holztüren umher. Vor der Videoprojektion steht ein Heiliger aus der Kirche, eine Glocke, ein Stück Dach. Das ist interessanterweise eine Art von Pathos, die funktioniert. (kjr)

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PAMELA ROSENKRANZ IM SCHWEIZER PAVILLON
Bitte nicht noch mehr Flüssigkeiten in vornehm-kommerzieller Inszenierung (die Halle ist bis Schulterhöhe mit einer Flüssigkeit gefüllt, die die Durchschnittsfarbe kaukasischer Babyhaut haben soll). Bitte nicht noch mehr ideologische Kurzschlüsse und autoritäre Belehrungen darüber, dass es mit dem Menschen jetzt zu Ende geht. Bitte wieder mehr Formfragen, Materialfragen, mehr Präzision. (kjr)

sad FLOP

 

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TEXT VON SIMON DENNY IM NEUSEELÄNDISCHEN PAVILLON 
Die wenigen Sätze, die einem Text des Pavillons voran stehen, sind einprägsame Sätze. Nicht die hochtrabenden politisch verbrämten Botschaften aus dem Kommunikationszentrum der Arsenale, kein sofort vergessener Kunstsprech. Sie bezeichnen genau den Abstand zur Welt, der hier heute herrscht: „without full explanation“, „meaning has been distorted by changes in format“, „apparent connections may be circumstantial“ - Es zeichnet die Arbeit von Denny, genau wie die seines einzig genau so erfolgreichen Post-Internet-Kollegen Ryan Trecartin aus: Sie definieren eine löchrige Membran, in der man heutzutage haltlos zwischen Nähe und Distanz pendelt. Wie weit hängt der Künstler mit drin? Wie viel der Kommunikation, die er hier anbietet, „stellt er aus“? Die Orientierungslosigkeit, die in Venedig oft angekündigt wird, der aber selten ein bleibender Eindruck folgt, sie bündelt plötzich in einer klaren Frage: Wo stehen wir? (tf)

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ADEL ABDESSEMED UND BRUCE NAUMAN, ARSENALE
Gleich zu Anfang der Arsenale ein Rohrkrepierer. Bruce Naumans Neon-Wortcollagen sind nur ein Beispiel für Enwezors Hang, sich hinter männlichen Positionen der 70er und frühen 80ern zu verschanzen. Und deren Kombination mit Adel Abdessemeds zu Blüten gekreuzten Dolchen („Nymphéas“) eins für die vielen vorschnellen Assoziationen auf Motivebene (gekreuzte Schwerter! gekreuzte Worte!). So kippen die Arbeiten ineinander und jede mögliche präzise Frage ertrinkt im Pathos. (kjr)

indecision FLOP

 

 

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DANH VO, SLIP OF THE TONGUE, PUNTA DELLA DOGANA
Schiffert man ein Stück auf die Pinault Insel, wird alles gut. Danh Vo hat eine Ausstellung kuratiert, in der all das funktioniert, was der Arsenale zum Teil zurecht vorgeworfen wird: Viel Platz lassen, Werke zeigen, die miteinander in Beziehung treten. Konzentration durch Eleganz und Einfachheit. Und einfach mal fast ausschließlich wirklich wundervolle Arbeiten. Zum Beispiel diese Collage-Skulpturen von Jean-Luc Moulène. Ein paar bemängelten: Zu geschmackvoll. Das Thema ist dabei dasselbe wie drüben: Verfall der westlichen Wissensgesellschaft, einer alten Idee und der Natur. Nur hier: Poetisch, einleuchtend. Hoffnung durch Schönheit. (tf) 

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HENRI ROUSSEAU, ARCHAIC CANDOR, DOGENPALAST
Den süffigsten Digestif gibt es im Dogenpalast. Hinreißend, wie dekorativ in der Schlangenbeschwörerin der Dschungel drapiert ist, wie klar hier markiert ist, dass der Maler nur bis zum Jardin des Plantes kam und in die eigenen Träume. Es bebt die Tropenhaut des Weltinnenraums der Jahrhundertwende. In zärtlicher Vertiefung ins Material gelang eine närrische, widerständige Gegenwelt, die den akademistischen Ernst der Salons unterlief – etwas, das man sich auch für die Akademismen von heute wünscht, ob in Dokumentarkunst oder Post-Internet. Mit 60 prominenten Leihgaben anderer, von einer Brasilienlandschaft Frans Posts bis zu Delaunay, Picasso und Kandinsky wird ausführlich die zentrale Stellung erklärt, die Rousseau in der modernen Malerei zukommt.(kjr)

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noyes