Twin Peaks: The Return

Concatenated Reentrant Loops
 Illustration by Georges Roux for Jules Vernes' novel Le Sphinx des glaces (1897)
 Boli, late 19th – 20th century Photo: Brooklyn Museum

Ein traditionelles Verständnis von künstlerischer Produktion geht davon aus, dass sie in Zyklen verläuft und sich alles endlos wiederholt – eine unendliche Suche nach ihrem innersten Wesen. Eine Zeit, die ewig um einen Fixpunkt kreist: eine unbewegliche Zukunft.

Epistola de Secretis Operibus! Zeit für etwas Zauberei. 

Wir würden gerne mit den Boliw beginnen. Diese oft büffelförmigen rituellen Objekte sind weder dickbauchig noch schwer, hinterlassen aber trotzdem den Eindruck von Überfülle, oder gar des Hyperrealen, als wären sie aus einer intensiveren Form der Wahrnehmung heraus entstanden. Boliw kommen aus Bamana-Dörfern in Mali und dürfen nur von denen bearbeitet werden, die sich einer jahrzehntelangen Initialisierung unterzogen haben. Während der Rituale werden dem Boli, Generation für Generation, immer neue Materialien wie Lehm, Haare, Blut, Holz, Baumrinde oder Wurzeln hinzugefügt. Jeder von ihnen ist eine kollektive Schöpfung und Zeugnis für die Arbeit einer großen Gruppe von Menschen über eine lange Zeit hinweg. Er enthält Multituden, und doch wird er immer mehr er selbst. Der Boli vermittelt zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen Magie und der materiellen Welt. Er wird älter und wächst jedes Mal, wenn er wiederauftaucht. Ein Boli lebt.

Die dritte Staffel von „Twin Peaks“ hat einiges mit einem Boli gemeinsam. Auch sie ist eine Aufzeichnung von Erinnerungen im Lauf der Zeit. Das hat eine gewisse Langsamkeit zur Folge – so etwas wie das Fernsehäquivalent zur Dicke. Lynch gibt dem Fernsehen die Zeit zurück. Im rastlos kaputten Fernsehen von heute folgt ein Schnitt so betäubend schnell auf den anderen wie das Stakkato eines Marktschreiers. Manche Regisseure unterbrechen dieses Stakkato hin und wieder mit einer „meisterhaften“ Kamerafahrt. Lynch hingegen schenkt uns fünf lange Minuten, in denen ein Mann den Boden einer Bar schrubbt, während die Kamera auf dem Stativ verharrt. Wir haben alle Zeit der Welt, erinnert er uns. Wir brauchen kein hyper-stimuliertes Jetzt. Lynch gibt uns das Gefühl zurück, dass der Film Fiktion ist, selbst wenn die Welt in sie einsickert.

 

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Diese Staffel von „Twin Peaks“ hat auch einen kumulativen Aspekt, einen Aspekt kollektiver Produktion. Es gibt zu viele Handlungsstränge, zu viele Figuren, Orte und Ereignisse. Die Figuren haben keine echten Motive, alles, was man bekommt, ist ein Übermaß an Andeutungen. Die meisten Figuren sind gar nicht gemacht um zu überleben, geben ihren Geist mühelos, ja fast teilnahmslos auf. Die Konzerte, die jede Folge abschließen, gehören auch zu dieser Kumulation. Es treten auf: aktuelle Bands aus Los Angeles, Schauspieler aus der Serie, Eddie Vedder und Nine Inch Nails. 

Diese heterogene Auswahl verwischt die Grenze zwischen unserer Welt und der von „Twin Peaks“.

Indem Lynch die ktiven Figuren real werden lässt, öffnet er ihnen eine Tür in unsere Welt. Im Multiversum gibt es nämlich eine Welt, in der Laura Parker gealtert ist. Es ist unsere Welt, und in dieser kann sich Laura nicht erinnern, was in der anderen geschehen ist. Wir haben es hier mit einer ganz neuen Art der Montage zu tun, wo Zeit und Raum nicht erzählerisch manipuliert werden. Die Figuren sind 25 Jahre älter, weil wirklich 25 Jahre vergangen sind. Es ist eine Montage unserer Erinnerungen.

Die alten Griechen, für die ein geübtes Gedächtnis – wie für alle Menschen vor der Erfindung des Buchdrucks – lebenswichtig war, erfanden eine ausgefeilte Mnemotechnik, die darauf basierte, sich „Orte“ und dazu „Bilder“ einzuprägen. Sich zu erinnern bedeutet also Ereignisse mit einer Topografie zu verbinden.

„Twin Peaks“ ist also eine topografische Karte.

Und auf dieser Karte hat, wie wir bemerken, der Wald an Bedeutung gewonnen.

Die Bäume entfalten jetzt eine dynamische Präsenz.

Während der ursprüngliche Vorspann das Sägewerk der Stadt zeigt, ruhen die ersten Einstellungen der neuen Staffel auf den Bäumen. Sogar in den mythischen Räumen der Lodges mit ihren roten Vorhängen stehen jetzt (fühlende) Bäume. Dieses neue Bewusstsein für eine animistische Subjektivität scheint mit einer Ermüdung an der Welt der Menschen einherzugehen, der Langweile, wenn sich alles nur um ihre kleinen, tragikomischen Schwächen dreht.

 

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Überhaupt macht das Leben in „Twin Peaks“ einen zutiefst verlorenen Eindruck. Das war auch schon in der ersten Staffel so. Bei allem gezwungenen Lachen und allen toten Ritualen wie Mama und Papa oder Weihnachtsgeschenke funktionierte das Zuhause nie wirklich – außer in bestimmten leuchtenden Momenten, zum Beispiel dem Bekenntnis von Major Briggs vor seinem Sohn Bobby. Ziellos wandern auch die Figuren der neuen Staffel umher. Ihr Leben ist von Zufällen bestimmt. Sie starren auf Screens. Nur ein paar ältere Leute schaffen es noch zu handeln. Auf der Suche nach einem Plot bringen die Menschen ihren eigentlichen Charakter zum Ausdruck: Laura ist heldenhaft, Cooper ist gut, Audrey verwirrt. Manche von ihnen haben sich verändert, die meisten aber stecken in alten Mustern fest. So hängt Sarah Palmer, Lauras Mutter, in der schrecklichsten aller Endlosschleifen fest. Sie sitzt in ihrem Haus und betrachtet im Fernsehen, wie Löwen ihre Beute zerfleischen.

Das Palmer-Haus im Bundesstaat Washington und auch der Flachbildfernseher gehören übrigens wirklichen Menschen. Die Eigentümerin, eine gewisse Mary Reber, hat in der letzten Folge sogar einen Auftritt. „Twin Peaks“ hat also ihrer Fiktion tatsächlich die echte Welt einverleibt, die ihrerseits wiederum von der 25 Jahre alten ersten Staffel beeinflusst wurde.

Cooper sieht den Sunset Boulevard und hört den Namen „Gordon Cole“. Eine Figur aus dem Film „Sunset Boulevard“, und der Name, den  Lynch sich in "Twin Peaks" selbst gab. Überhaupt enthält „Twin Peaks: The Return“ praktisch alles, was in Lynchs Universum vorkommt. Die Staffel ist ein Kompendium oder eine Anatomie seiner Obsessionen und Interessen, andere Filme und Intertextualitäten. Man könnte eine Werkliste Lynchs anlegen und zu jedem einzelnen Eintrag ein Analog in dieser dritten Staffel finden. Es ist also ein Opus und ein Kompendium zugleich. Mehr noch, die Staffel ist eine Vermessung davon, wie sich die Zeit auf eine kollektive Fiktion ausgewirkt hat. Damit verweist sie auf eine andere Zeit und einen anderen Ort – weder „Fiktion“ noch „Realität“, weder „Vergangenheit“ noch „Zukunft“.

Dort wird sich – vielleicht – alles lichten.

Wie die unlängst auf der Erde wiederentdeckte Laura Palmer sind wir alle Aliens. Das Schöpferische wiederholt nicht bloß die Logik der Verausgabung, Auflösung oder Verschwendung des Selbst. Es entsteht vielmehr, wenn wir uns gegenüber neuen Verunreinigungen öffnen, uns am Außen beteiligen, fremd werden. Im kosmischen Kontinuum, das sich immer weiter teilt und die Teile wieder in sich aufnimmt, eint uns alle die Dynamik der Entfremdung. Und wie bei Lynch hört das niemals auf.

Aus dem Englischen von Thomas Raab

 

Philippe Parreno ist Künstler und lebt in Paris.
Asad Raza ist Künstler und lebt in Leipzig und New York. 

– Dieser Text ist in der Printausgabe Spike Art Quarterly #54 erschienen und kann im Online-Shop bestellt werden –