Wie wir leben sollen

Spike wurde eingeladen eine Nacht in der Installation von Carsten Höller zu verbringen. Dazu haben wir die Künstlerin Anna-Sophie Berger eingeladen. Und mussten merken: Schlafen mit Kunst - das geht nicht so gut.​

Wenn frühmorgens im Augarten die Sonne aufgeht, wird ein schöner Tag. 2 mal 3 mal 7 Meter gutes Licht, das auf ein 3 mal 3 Meter rundes Bett fällt wie ein zweites weißes Laken. Anna-Sophie ist noch nicht wach. Ich schlafe langsam ein. Es ist halb 8, um 9 gibt es Frühstück auf der Terrasse. Schuld ist die Zahnpasta. Verantwortlich Carsten Höller.

Was erlebbar ist, in dieser Nacht, in diesem umsonst begehbaren Parcours des belgischen Installationskünstlers in der TBA-21: Im Eingangsbereich "Vienna Twins", zwei eineiige Zwillinge, die eine teils gesungene Unterhaltung über das Gleiche und sein Gegenteil führen. Im ersten Raum auf zwei riesigen Screens die neu entstandene Filminstallation "Fara Fara", sie zeigt Castings und Proben zweier Stars der kongolesischen Musikszene. Man merkt schon: Doppelung und Gegenüberstellung. Man denkt gleich: That's us/ Wild combination. Dann ein Schwerelosigkeit simulierender Flotation-Tank, riesige graue Vogelkäfige, eine Uhr, die nur ausgewählte Zeitintervalle angibt, trauminduzierende Zahnpasta. Und das Bett, das auf eine Höhe von 3,5 Meter ausgefahren werden kann. Draußen im Garten: surreal überdimensionierte, geteilte Pilze. 

 

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Anna-Sophie Berger und ich treffen uns zum ersten Mal in unseren Leben vor der Tür, um 22 Uhr. Sie hat in Wien studiert und macht Kunst, die zwischen Modekritik und -Bewunderung oszilliert, in ihrer Debütkollektion druckte sie großflächig das Portrait von Angela Merkel auf ihre Theoriekleider. Sie sagt, sie kommt just aus dem Urlaub in Schweden. Mit ihren Eltern und ihrer Schwester ist sie durch luxuriöse Hotels gereist, dem guten Essen hinterher. Und nun stellt sich die Frage, was das hier kann, was die nicht konnten. Aber es stellen sich auch noch weitere Fragen: Etwa, geht es den Vögeln gut? Die Gimpel, die in ihren monumentalen Käfigen aussehen wie Unhappy Hipster in minimal möbilisierten Townhouses, sollten hier eigentlich lernen, eine Melodie zu pfeifen – Hintergrund dafür ist die romantische Geschichte eines Adligen, der im 18. Jahrhundert eine Frau verführte, indem er allen Vögeln in seinem Garten dasselbe Liedchen beibrachte. Bei unseren beiden Exemplaren hat es nicht recht geklappt, manchmal machen sie „pieppiep“. Nach dem Abendessen alleine in der weiten Ausstellungshalle dem Film zu schauend, mal liegend, mal stehend, mal auf Socken tanzend: Man kommt ins Denken, man denkt an sich. Anna-Sophie fährt ein bisschen das Bett hoch und runter, ich klettere zwischendurch hinein, wir reden. Über Bio-Eier, Comme des Garçons, den perfekten Mantel, das Neue an sich, die womöglich gar nicht echten Silikonbrüste von Amalia Ulman, das Erdbeben von Lissabon, die 100.000 Todesopfer, den Moment, als der europäische Mensch officially damit aufzuhören begann an Gott zu glauben. Wir tippen auf unseren Telefonen rum, ein paar Events joinen, Selfies schießen. Anna-Sophie hat gerade viel Erfolg mit einer Performance, in der zwei Menschen, von denen einer immer sie selbst ist, vor Publikum in einen Austausch treten, sich Befehle geben, bestimmte Dinge zu tun. Mit ihrer österreichischen Stimme, und dieser stets ein bisschen gezogenen, gestauchten und gesungenen Kunstsprache, erinnert sie an Ingeborg Bachmann, aber das ist wohl mein eigenes deutsches Literatur-Problem. Die Künstlerin findet auf sonderbare Weise stets den Punkt im mäandernden Gesprächswirrwarr, sie sagt: "Ich glaube dass meine Generation nicht die Urteilsfähigkeit oder ihre Gefühle einbüßt, sondern dass sich einfach die Art und Weise, das zu äußern, radikal ändert." 

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Ich gehe floaten. Der Tank sieht aus, als hätte Mathew Barney ihn sich ausgedacht. Es ist wie Meditieren, man ruckelt rein in die Konzentrationslosigkeit, man ruckelt wieder raus, man schweift ab und stößt an - bin ich jetzt oder war ich nun gerade eben ganz weit draußen oder überhaupt die ganze Zeit über doch noch viel zu nah bei mir? Für eine Sekunde erreiche ich den Punkt kurz vor dem Schlafengehen, wenn der Körper sich in der körpertemperaturkalten Salzlake ausbreitet und das Gefühl für ihn verschwindet. Danach ist es vorbei. Duschen, Dunkel.  
Sind wir geflasht? Leider nicht so richtig. Vielmehr stellt sich im Angesicht der seit Jahren laufenden Institutionalisierung der Relational Aestetics hier überhaupt die Frage, was diese dem sich alles einflößenden Zweig der Public Relations noch entgegen zu setzen hat. Im Zeichen der Markenbindung und des Brand-Building werden ungleich mehr Budgets investiert in dann doch gar nicht so ungleiche Erlebnisparcours, die es auf Berührungen, Beziehungen und Atmosphären abgesehen haben. Zur Teilnahme aktivieren will sowieso jeder. Und so müssen sich auch diese subtilen Interventionen zwangsläufig messen mit Louis Vuitton, Red Bull und Mercedes, die sich schon lange im Spannungsverhältnis von Kick und Entspannung begreifen. "Keine Rentiere hier", sage ich zur Aufsicht, die uns für die Nacht einweist, "keine Rentiere wie im Hamburger Bahnhof in Berlin, wo Höller diese Art der Präsentation schon einmal fruchtbar gemacht hat." "Nein, keine Rentiere, aber dafür ist die Übernachtung auch viel preisgünstiger", gibt es zur Antwort. 

Möglicherweise liegt in der Kargheit die Gutheit dieser Ausstellung, denn die künstlerischen Placebopillen, die natürlich alle nicht funktionieren, weil so etwas eben eigentlich gar nicht funktionieren kann, sie erzählen ja trotzdem Geschichten - über das, was vielleicht möglich wäre. Denn wenn man ein paar Stunden in den Räumen verbringt, dann geraten Tank und Käfig irgendwann aus dem Blick, und statt dessen konzentriert man sich  auf das irre analoge Geräusch der Hydraulik beim Hoch- und Runterfahren des Bettes oder das lapidar eingebaute Bad. Höller ist eben kein Magier und Hexenmeister, sondern ein Erschaffer von Pretend-Situationen. In denen die Traurigkeit hängt, die Sehnsucht, zu entkommen, die Enttäuschung, wenn man merkt, dass es kein Entkommen gibt. Keiner kann mehr abschalten. Und so drängelt die Sehnsucht sogar noch ein bisschen doller, dort oben, 3,5 Meter über der Erde.  

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Es ist also morgens. Es wird Tag, wir sind am Leben, das ist gut. Ich konnte die ganze Nacht nicht einschlafen, ich glaube, weil ich diese Zahnpasta, auf der Activator stand, mir lange ins Fleisch meiner Zähne massiert habe. Es gibt Kunst als banales Erlebnis-Angebot, es gibt Kunst als Kritik banaler Erlebnis-Angebote. Und es gibt diesen fantastischen Moment, in dem man plötzlich realisiert, dass ein Stück Kunst sich in dein Leben geschlichen hat. Wenn frühmorgens im Augarten die Sonne aufgeht, wird ein schöner Tag.

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Carsten Höller / LEBEN / TBA-21 / 11. Juli 2014 - 4. Januar 2015

Eine Übernachtung in Carsten Höllers Ausstellung "Leben" kostete 490 Euro.