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Tanzquartier Wien: Reopening

Review
 Performance Tamara Cubas, Foto: Alexi Pelekanos
 Anne Lise Le Gac & Élie Ortis Photo: Alexi Pelekanos
 Philipp Gehmacher Foto: Elodie Grethen
 Mark Tompkins Foto: Alexi Pelekanos
 Performance Tamara Cubas Foto: Alexi Pelekanos  

Schwarzer Plüsch und blonde Haare – nachdem die Tänzerin Florentina Holzinger die letzten Wochen auf unzähligen Plakaten ganz Wien begleitet hat, um die Neueröffnung des Tanzquartiers samt neuer Intendanz zu bewerben, gab es beim dreitägigen Auftaktfestival Einiges zu sehen. Darunter: 1000 wild geschichtete Holzbretter in der Halle G, minimalistische Neo-Dada Poetry im TQW-Stiegenhaus und Piano mit gefühlvoller Solostimme auf lila Teppichboden in der Kunsthalle.

 

Nach vier Monaten Umbauten hat sich nicht besonders viel an den bekannten Standorten des Tanzquartiers verändert, sodass ein kleines, leerstehendes Geschäftslokal in der Neustiftgasse 31 als neue TQW-Filiale besonders auffällt. Die Fenster sind beschlagen und es zieht, während die intime räumliche Nähe zu den TänzerInnen jeden Versuch einer distanzierten Rezeption durchbricht und auch PassantInnen anzuziehen scheint, die ab und zu vor der Auslage stehenbleiben. „Täglich zu den üblichen Geschäftszeiten von 10–18h", sollen in dem hier gezeigten Stück Negotiations zwar Arbeitsprozesse sichtbar gemacht werden („Wir würden gern unsere Arbeitspraxis teilen. (...) Wir gehen jeden Tag zur Arbeit. Tanz ist unsere Arbeit“), dafür sind sie jedoch sehr glatt inszeniert: atmosphärische elektronische Musik und Stille wechseln sich ab, die sich wiederholenden Bewegungssequenzen der Tänzerinnen zeigen minimale Veränderungen, das Beleuchtungskonzept ist  perfekt zum Tageslicht abgestimmt und wird mit aufbrechender Dämmerung langsam heller. Ein bisschen konzentrierte Weltvergessenheit, die ganz dem neoliberalen Workflow entsprechend verwertbar gemacht wird. Worum es darüber hinaus noch gehen könnte, wird vielleicht die sich ausweitende Wandzeichnung (je Tanzdienst um einen Kreis und einen Strich erweitert) oder der Wechsel der Jahreszeiten zeigen. 

 

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Zurück zum Museumsquartier, TQW Studios: Élie Ortis strickt, popelt ein bisschen in der Nase oder trinkt Bier, während er teilnahmslos neben Anne Lise Le Gac sitzt, dem Publikum gegenüber, an einem vollgeramschten Schreibtisch. Schief an die Wand projiziert sie ihre gemeinsame, wie sie sagt „Akkumulation ohne Komplexe: eine essayistische Mischung aus Chat-Fetzen, Memes, Montaigne, Amateurtanz und 1990er-Jahre-WordArt-Ästhetik, in den sich auch der anschließend laut aufgedrehte Gigi D’Agostino mit Ininterrottamente einreiht. Eine wirkliche Interaktion zwischen den beiden entsteht erst, als sie ihren Oberkörper vor ihm entblößt. Kurz darauf zertrümmern beide die eingegipsten Holzpfosten, die sie  um ein paar Bodenmatten wie eine Tanzarena zusammengestellt hatten und verteilen darauf die Rezepte der probierbaren Energieriegel, die sich dicht verpackt aus dem Gips gelöst haben. Ein ganz normaler, lethargiebefüllter, einsam durchgeklickter Nachmittag eben.

 

"Schließlich, wild und ekstatisch, klettern sie nackt über die sichtlich irritierten ZuschauerInnen drüber, dem Hund hinterher"

 

Im Gegensatz zu den mittels Interface verdumpften zwischenmenschlichen Gefühlen, greifen Philipp Gehmacher und Marino Formenti bescheiden nach den Sternen. In einer kleinen Raumnische der Kunsthalle trifft Beton auf schwarzen Flügel, gedämpftes Licht auf lila Teppichboden, und das Nachdrucksstampfen zum Beat, mit zur Faust geballter Hand, auf einige stimmliche Ungenauigkeiten. Es scheint, als würden sie ehrlich versuchen, über den Erhabenheitskitsch hinauszugehen und für einige Sekunden in aller Fehlerhaftigkeit die großen Gefühle, zu bejahen, ohne ein rettendes Zwinkern zu vergessen, natürlich. 

 

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Tamara Cubas ist dazu Kontrastprogramm. In ihrem Stück Anthropophagische Trilogie: Act 2 – To Resist leint sie zuerst einen jungen, hechelnden Schäferhund ab, um dann mit vier TänzerInnen rhythmisch über 1000 geschichtete Holzbretter, die den gesamten Bühnenboden belegen, zu wippen, zu trampeln, sich gegenseitig zu begrapschen, auszuziehen, und, kannibalistisch anzukauen. Dabei nimmt sie auf die brasilianische Anthropophagie-Bewegung der 30er Jahre Bezug, die sich gegen den  Exotismus und die kolonialistischen Aneignungen der europäischen Modernisten stellte. Schließlich, wild und ekstatisch, klettern sie nackt über die sichtlich irritierten ZuschauerInnen drüber, dem Hund hinterher. Ein Erschöpfungstanz, der im ritualhaften Rausch über jede eurozentristische Perspektive fegt.

Gesungen wurde auch, bei Ankathie Koi im Achtzigerjahre-Kostüm, bei Alexandra Piricis Ikonographie-Collage Delicate Instruments of Engagement in einer leeren Kunsthalle, und bei Mark Tompkins. Mit seiner dunklen Erzählstimme, einem Tisch sowie ein paar anderen Requisiten gibt er dem Publikum eine halbe Stunde lang fragmentarische Einblicke in seine Biographie, von Geburt bis Coming-out. Zwar wurden Geschichten wie diese so ähnlich in der LGBTQ-Vergangenheit schon hundertfach erzählt und besungen, doch trotzdem musste Tompkins ZuschauerInnen noch aufklären, was „scag drag“ bedeutet. Gesellschaftspolitisch also noch relevant, Häkchen. 

 

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Was hier als zufälliges Abfallprodukt einer nicht sehr originellen Arbeit noch gerade so übrigbleibt, scheint beim (neuen) TQW allerdings Programm: Erfreulich selbstverständlich politisch korrekt wirkt auch die Entscheidung, Doris Uhlich, die mit ihrem Stück Every Body Electric unter anderem Körpernormen in Frage stellt, als Auftakt zu präsentieren. Außerdem scheint nicht nur das neue, verspielte Logo und Grafikdesign, sondern auch die begleitenden Formate (TQW Magazin, Labor, Golden Hour), eine experimentierfreudige Saison anzukündigen. Dadurch ermöglichen die neue Leiterin Bettina Kogler und ihr Team einen Blick auf die zeitgenössische Szene, der nicht nur gesellschaftskritisch Inklusion und Interdisziplinärität fordert, sondern sich näher an einer zeitgenössisch-prekär-hippen und schnelllebigen Praxis befindet. Wie weit sich diese Praxis dann letztlich institutionalisieren lässt und welche Auswirkungen das haben könnte, ist eine alte Geschichte, to be continued.

 

TQW Neueröffnung
25. – 27.1.2018
Website

 

GIANNA VIRGINIA PREIN ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt in Wien.

 

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