Going out in Düsseldorf

Merian Düsseldorf 1991

Erstmals findet an diesem Wochenende die Art Düsseldorf statt. Mit rund 80 internationalen Galerien setzt sich ein womöglich ernstzunehmender Konkurrent zur traditionellen Art Cologne in die überquellenden Kalender von Sammlern, Galeristen und Kuratoren. Spike Redakteur Robert Schulte sagt Ihnen, wo man am besten darüber nachdenkt, ob man im nächsten Jahr wiederkommt.

 

Düsseldorf ist nicht sehr groß, stets trifft man dieselben Menschen, weil man immer wieder an dieselben Orte muss. Das Nachtleben ist eigentlich nicht auszuhalten, man weiß nicht wohin und verabredet sich in Wohnungen. Die Leute sind schlecht gekleidet, und die Kunstakademie ist „auch nicht mehr, was sie mal war“. In der Kultur bröckelt schon länger der Putz, gute Galerien sind schnell genannt, wichtige Ausstellungen rar und Kraftwerk spielt wieder einmal im Jahr Konzerte, zu denen man rot-blaue Brillen reicht.

Aber wir Düsseldorfer lieben Düsseldorf. Es gibt Pelz, plastische Chirurgie und jede Menge Geld – das alles stimmt, und es macht Spaß. Auf der Königsallee bilden rheinische Proleten mit arabischen Touristen, Fußballprofis und Holländern eine einmalige Masse. Nachts regieren laute, leuchtende VW aus Willich, Viersen und Bergisch Gladbach die Straßen. In Düsseldorf kann man noch gut leben – und essen und trinken und Leute gucken.

 

 

Morgens

Laura’s Deli
Carlsplatz 1

Der Carlsplatz ist ein Markt in der Düsseldorfer Altstadt. Es gibt dort hochwertige Lebensmittel, gute Imbissstände und an einer Ecke Laura’s Deli. Morgens sitzen dort Menschen aus den umliegenden Büros bei informellen Meetings, Schülerinnen der besseren Gymnasien und Leute, die nicht arbeiten müssen. Sie essen Avocadobrote, Müsli mit frischen Beeren und reichhaltige Salate. Es herrscht ein Gefühl von Geborgenheit.

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Zum Uerige
Berger Straße 1

Uerige ist eine Altbiermarke. Altbier ist ein dunkles, herbes Bier, das vor allem in Düsseldorf getrunken wird. In der Brauerei bekommt man ab 10 Uhr Wurst, Käse, Soleier und Brot. Und man bekommt Bier: Frühschoppen. Möchte man irgendwann kein Bier mehr bekommen, muss der Bierdeckel auf das Glas gelegt werden. Bis dahin bringt der Köbes, so heißt der Kellner, immer weiter Bier.

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Mittags

Takumi 
Immermannstraße 28

Düsseldorf ist eines der wichtigsten wirtschaftlichen Zentren Japans in Europa. Konzentriert auf die Immermannstraße, prägen japanische Firmen, Restaurants, Geschäfte und das Hotel Nikko die Umgebung. Die kurze, geordnete und von roten Samtbändern gesäumte Wartezeit vor Takumi lohnt sich. Drinnen gibt es kaum Platz und hervorragende Ramen.

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Clube Portugues
Erkrather Straße 197

Der Clube Portugues liegt direkt an der Kiefernstraße, dem ehemaligen autonomen Zentrum der Stadt, in dem während der 1980er Jahre Mitglieder der RAF Unterschlupf gefunden haben. Wem linke Szene in Düsseldorf spanisch vorkommt, dem sei versichert: Die Kiefernstraße ist sehr kurz. Im Clube Portugues gibt es Fleischgerichte mit Kartoffelscheiben, guten Fisch und fettige Tapas. Alles ist sehr authentisch und voller Knoblauch. Wirklich gut.

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Abends

Bei Mama Lisi 
Nachtigallstraße 3

Auch in Düsseldorf gibt es Armut, aber dafür muss man das Zentrum verlassen und zum Beispiel nach Gerresheim fahren – allerdings ins „untere“, denn das „obere“ Gerresheim ist voll sorgloser alter Menschen mit einer guten Rente. Bei Mama Lisi liegt im „unteren“ Gerresheim und ist ein familiengeführtes italienisches Restaurant. Die Namensgeberin steht in der Küche, ich habe sie noch nie gesehen. Vor ein paar Jahren starb Papa Lisi, und weil das Leben endlich ist, wird die Schwiegertochter nun zur Nachfolge ausgebildet, während der Sohn durch das rustikal eingerichtete Restaurant flitzt. Alles ist einfach bei Mama Lisi und das Essen so gut. Am besten sind die Variationen von Scaloppine. Nimmt man den Weg dorthin auf sich, sollte man vorher reservieren.

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Wirtshaus Poldi
Fischerstraße 1

In diesem Jahr ist der gebürtige Wiener Schnitzel-Poldi 87 Jahre alt geworden. Dem Düsseldorfer Express verriet er zu diesem Anlass: „Ich brate bis ich 100 bin“. Poldi macht die besten Schnitzel der Stadt. Bei meinem letzten Besuch kam ich etwas zu spät und Poldi rief, er habe jetzt keine Lust mehr zu braten.

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Phoenix
Dreischeibenhaus

Das Phoenix ist schick, weltgewandt und teuer. Es liegt im einzig schönen modernen Gebäude der Stadt, dem Dreischeibenhaus, das bis vor ein paar Jahren von ThyssenKrupp genutzt wurde. Hier geht Julia Stoschek essen, wenn sie in der Stadt ist.

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Ham Ham bei Josef
Kurze Straße 5

Wen es nachts in die Altstadt verschlägt, um trinken zu gehen, der will auch etwas essen. In der Altstadt gibt es nur einen guten Imbiss, Ham Ham bei Josef. Da gibt es Schweinebrötchen: Fettiges Schweinefleisch mit Kruste wird von einem Spieß geschnitten, in ein Brötchen gelegt und mit Senf oder Ketchup bestrichen. Sehr gut.

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Bar Olio
Schirmerstraße 54

Das Olio ist der offensichtlichste Tipp. In einem kleinen Häuschen an einem alten Güterbahnhof gelegen, der mittlerweile von teuren, geschmacklosen Neubauten umstellt ist, sollte man eigentlich schon an der Tür kratzen, wenn um 18:30 Uhr aufgeschlossen wird. Denn dann ist es sofort voll, und man kann nicht reservieren. Hier gehen diejenigen hin, die für Düsseldorfer Verhältnisse cool sind und SchickiMicki-Pärchen, die sensibel genug sind, das zu erkennen. Es gibt keine Karte, nur eine Tafel mit gemischter – man möchte sagen – Fusion-Küche. Eine Empfehlung ist die Udon-Iberico-Bolognese.

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NACHTS

Salon des Amateurs
Grabbeplatz 4

Der Salon ist unter der Woche eher eine Bar und am Wochenende ab 0 Uhr, wenn es gut läuft, ein Club. Im Salon bin ich aufgewachsen, es gibt keinen anderen öffentlichen Ort, an dem ich jemals solch besondere Musik gehört habe. Mittlerweile sind jene, die dafür verantwortlich waren, recht bekannt und in der Welt unterwegs. Nicht mehr ganz on the top of its game, aber immer noch mit Abstand der beste Ort für die Nacht.

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Melody Bar
Kurze Straße 12

Gegenüber von Ham-Ham bei Josef ist die Melody Bar. Die Melody Bar ist eine richtige Bar, es gibt seriöse Cocktails, und man kann rauchen. In der Melody Bar wird das Fenster mit einer Fahne verhängt, damit das Ordnungsamt nicht reinsehen kann, und man muss klingeln, um einzutreten.

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Kir Royal
Mühlenstraße 9

Das Kir Royal ist Milieu, eine rheinische, bunt leuchtende Kneipe mit Sitzecke, Schlager, Fernseher. Wenn Moni, die Besitzerin, sich sicher fühlt, holt auch sie die Aschenbecher raus, dann kann geraucht werden. Es könnte sein, dass das Kir Royal nun geschlossen hat. Jemand berichtete kürzlich, Moni sei verstorben.

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Hangout

Café auf der Kö
Königsallee

Wer eine Pause von der Kunst braucht, der sollte sich auf die Kö setzen; wirklich auf die Kö, nach draußen, in irgendein Café und sich die Leute anschauen, die über die hellen Pflastersteine laufen und in die Auslagen der Luxusläden schauen. Die Cafés sind alle schlecht, aber allein die Leute, die neben einem sitzen, machen Spaß. Auf der Kö sieht man: Goldschmuck, blondierte Haare, wenige Haare, operierte Haare, verschleierte Frauen mit zufriedenen Männern, Abercrombie & Fitch, Stürmer von Schalke 04, reiche Kinder, Bedürftige, Holländer und noch immer Ugg-Boots. Wenn es dunkel wird, kommen die Halsbandsittiche aus Cyprien Gaillards Videoarbeit Koe (2015) geflogen. Sie sehen schlecht und mögen das helle Licht der Geschäfte.

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Rheinwiesen

Wem nicht nach Menschen ist, der kann linksrheinisch im Stadtteil Oberkassel am Wasser die Rheinwiesen entlangspazieren. Man sieht am anderen Ufer die vielleicht schönste Seite der Stadt, und mit etwas Glück trifft man auf Schafe. Außerdem kommt man am Haus von Detlev Rohwedder vorbei, der dort 1991 von einem Scharfschützen ermordet wurde und als letztes politisches Opfer der RAF gilt.

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Die Art Düsseldorf läuft vom 17.-19. November.

ROBERT SCHULTE ist Online-Redakteur bei Spike. Er lebt in Berlin und kommt aus Düsseldorf.