Klitclique: "Die ganzen schönen Frauen geh'n nach Hause"

Interview
 Release Party "no Klit no Party" Foto: Elsa Okazaki
 Foto: Maria Jociute
 Foto: Elsa Okazaki

Unter dem Slogan „no Klit no Party“ haben Klitclique, bestehend aus $chwanger und G-udit, gerade in Wien den Vinylrelease ihres ersten Albums „Schlecht im Bett, gut im Rap“ gefeiert, das gratis zum Download bereit steht. Auf der Bühne der Nordbahnhallen gab es (ausschließlich) weibliche Acts, Pussyriot-Wrestling-Tänzerinnen, Champagner und Konfettikanonen. Mit ihrem gepitchten Cloud-Battlerap treten $chwanger und G-udit gerne im Jogging Anzug in Galerien auf oder vor die Kamera, um betont gelangweilt „Antworten auf traurige Boys zu geben“.

 

Gianna Virginia Prein: Auf eurer Homepage steht ganz oben „Is it Art, is it Music?“.

G: Ich habe versucht, als bildende Künstlerin von meiner Arbeit leben zu können [lacht]…  Ein gemeinsamer, trauriger Aspekt von Kunstmarkt und Musikindustrie ist: Leute reden, ob sie das Wort sagen oder nicht, von „Produkten“. Es geht in den meisten Fällen um Geld.

$: Wir stellen die Frage zurück an die Leute: Was ist es denn jetzt? 

G: Ein Produkt musst du immer auch kategorisieren, oder?

$: Die Leute in der Musikindustrie wollen, dass man ein Musikprodukt liefert und die Kunstwelt will auch irgendetwas, das jemand kaufen kann. Wir wollen uns aber nicht einschränken lassen, es geht um die Aussage.

 

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Welchen Mehrwert hat dieser betonte Crossover für euch? Oder welchen Mehrwert hätte die Kategorisierung? Diedrich Diederichsen meinte mal „manchmal wissen bildende Künstler mehr über Musik als Musiker. Der Grund ist ihr in vielerlei Hinsicht geschulter Blick auf die konzeptuelle Seite einer Arbeit.“    

G: Je reflektierter desto besser, auch wenn überintellektuell anstrengend ist; aber sich gesellschaftlicher Normen bewusst sein, eine Position dazu haben und nicht alles eins zu eins schlucken wie ein Politikwissenschaftsstudent. Dann fällt man auch nicht auf Popmusik rein, die gerade der heißeste Scheiß ist, sondern man versteht, wenn jemand den Mut hat, wirklich originell zu sein und Genres zu durchbrechen. Es gibt genügend Boybands in der Kunst, wie Gelatin – in allen Ehren! Bei den Frauen gibt es einfach nicht so viele, aber die Guerilla Girls sind das geilste Beispiel für Frauenbünde. So etwas war auch unser Ziel: über die Plattform Klitclique mit Leuten kollaborieren und eben nicht diese Bildende-SolokünstlerIn-muss-alles-verkaufen-und-posthum-rumgereicht-werden-Schiene. Sondern: „Hey, eine Freundin von mir ist eine super Performerin“ oder „He, diese eine Oide, die ich kenne kann urgut filmen“.

$: Wir wollen Kollaborationen und ein Netzwerk, weil Energien entstehen, wenn man bündelt und gemeinsam etwas erarbeitet. Die größtmögliche Freiheit gibt es, wenn man hin und her switcht zwischen den verschiedenen Bereichen und Medien.

 

"Wenn du gemeinsam als weibliche queere Gruppe diesen extremen Frauenhass hörst, musst du das mit Humor nehmen, weil es so lächerlich ist! Es ist so lächerlich!"

 

Und wieso Rap?

$: Weil Sprache halt ein interessantes Medium ist.

G: Wir sind da ein bisschen reingewachsen. Hip Hop, heißt es, gibt Leuten eine Stimme, denen sonst nicht so schnell zugehört wird. Schon als Teenager hatten wir das Gefühl, nicht Teil der „Leitkultur“ zu sein. Und auch innerhalb von Rap-Kultur hat man als Frau wieder eine problematische Position, die man sich selbst erfinden muss, wenn einem die bereits vorhandenen nicht gefallen.

$: So war es auch mit Graffiti, wo niemand auf die Bestätigung von Außen wartet, um etwas zu tun, sondern einfach macht. Es ist wichtig, die DIY-Mentalität nicht zu verlieren.

G: Alle Straßen und Plätze sind nach irgendwelchen Dudes benannt und als GraffitikünstlerIn geht man raus, um sie sich anzueignen, indem man den eigenen Namen platziert. Das steht metaphorisch für: Wie positioniere ich mich in dieser Gesellschaft mit all den Wänden, die mich umgeben.

 

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Und wie ist das mit eurer Positionierung, wenn ihr auftretet? Achtet ihr konsequent auf das restliche Line-Up bzw. wer gerade ausstellt?

G: Das ist schon wichtig, aber auch Luxus.

$: Wir hatten eine Zeit lang die Strategie, dass wir zu nichts nein sagen, uns auf der Bühne dann aber auch nicht einschränken lassen. Mittlerweile haben wir so viele Anfragen, dass wir selektiver sind.

G: Darf ich trotzdem an unseren legendären Volksgarten-Auftritt erinnern? Da haben Franz [Graf], Hans [Weigand] und Erwin [Wurm] gemeinsam Geburtstag gefeiert und sie haben noch irgendwelche Frauen fürs Line-Up gebraucht. Wir sind dort aufgetreten und beim letzten Beat kam der Chef und hat uns abgedreht, weil er meinte, „die ganzen schönen Frauen geh’n nach Hause“.

Was hört ihr privat, daheim oder im Atelier?

$: Online Radio!

G: Ich hör echt gerne Trap Rhyme – zu uns dringen immer mehr popkulturell beeinflusste Images und Sounds aus Afrika. Jetzt gerade ist FAKA Wegbereiter im New Afrobeat. Und ich hab gerade einen Artikel über Taktloss geschrieben – auch wenn ich normal nicht so gern über Männer rede.

 

 

Das versteht sich. Er ist auch gar nicht frauenfeindlich, da kann man mal eine Ausnahme machen.

G: [lacht] Ich glaube er hat gecheckt wie super sexistisch einiges war, wusste nicht, wie er als Mann damit umgehen soll und redet jetzt nur noch über das Universum.

$: Ich bin eher verwundert, dass Sido im ORF sitzt.

G: Vor einigen Jahren waren solche Themen noch super tabuisiert. Ich muss das einfach mit einem Beispiel erzählen: im Marea Alta, einst der einzig coole Lesbenclub der Stadt, haben wir auf Einladung Sexist-Rap-Parties gemacht wo wir aggro Frauenrap gespielt haben und das queere Publikum mit den Perlen von Westberlin Maskulin bekannt gemacht haben. Wenn du gemeinsam als weibliche queere Gruppe diesen extremen Frauenhass hörst, musst du das mit Humor nehmen, weil es so lächerlich ist! Es ist so lächerlich!

Ich hab mich da mit ein paar Lesben an den Tisch gesetzt und die meinten: „Wir kennen dich, du bist von der Klitclique, eh cool, aber müsst ihr immer über eure Regel reden? Ist voll eklig“. Und ich fand es halt ein bisschen lustig. Letztes Jahr bin ich dann irgendwann in einen H&M gegangen und da gab es ursüße Sticker für die Periode. Ich hab mir gleich die Girl-Power-Schlapfen gekauft, für 6€, wahrscheinlich von irgendeiner armen Frau in Indonesien zusammengeklebt. Wtf. Einfach so Feminist Sell Out [lacht]. Mein erste Reaktion für Sachen, die ich nicht packe, ist immer Humor. Insofern überrascht es mich jetzt nicht so, dass es möglich für uns war, eine Platte mit gefördertem Kulturbudget zu machen. Aber das ist ein anderes Ding, das mich so stört: Vereine, die da und dort große Frauenausstellungen machen und dann wieder weitermachen wie vorher. So wie das Centre Pompidou mit „elles@centrepompidou“. Und ich bin sicher, wir sind ein super Projekt – [zu $chwanger] darf ich das überhaupt on the record sagen?

$: Are you stoppable?

G: …Wir sind ein super Projekt, das man mit Geld bestreuen kann und sich denkt: „Wir haben den bösen FeministInnen ja eh ein Teil vom Kuchen gegeben jetzt sollen sie mal kusch sein.“

 

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Das bringt mich indirekt zur nächsten Frage: Battle-Rap funktioniert über Diss und Representation. Sich selbst hochloben und das Gegenüber kleinmachen...

G: ...Das ist super, wenn ich mich nicht in unreflektierter Manier darüber hervortun will, dass ich Geld habe und Einfluss auf hierarchisch unter mir Stehende. Es ist schon auch unsere Technik, uns mit Dingen zu schmücken, die wir als wichtig empfinden und die Dinge zu kritisieren, die wir scheiße finden, aber das sind andere Dinge als beim White-Boy-Rap-Dude. Der will halt nur über Autos, Huren, Koks und seine Klamotten reden. Wir wollen das auch, aber wir haben das im Patriarchat halt alles nicht.

Um nochmal auf die Sprache zurückzukommen: Euer Rap ist absichtlich brüchig, ihr baut Versprecher ein und brecht Sätze ab, zelebriert Monotonie, wiederholt einzelne Worte. Wie ist euer Zugang zur Sprache und wie entstehen eure Lyrics ?

$: Das ist immer unterschiedlich. Vieles ist improvisiert, irgendein Thema, das man im Kopf hat oder eine Zeile, die hängen bleibt oder ein Anliegen wie: man will einer Frau ein Lied widmen.

G: Wir sprechen zusammengenommen neun Sprachen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass für Leute, die mehrsprachig aufgewachsen sind, Sprache formbarer erscheint. Das ist auf jeden Fall eine Bereicherung für das Denken. Wenn man zwei Muttersprachen hat, denkt man die andere Sprache jeweils mit und man neigt dazu, Ausdrücke zu formen, um sich zu helfen. Egal ob man dann SchriftstellerIn, PoetIn oder RapperIn wird, mit Sprache zu spielen als wäre es eine formbare Masse, ist ein produktiver Zugang.

$: Wir haben anfangs in ziemlich langen Sessions viel mit Chaos Pads und Loops gemacht. Ich finde den Prozess oft wichtiger als das fertige Produkt. Mich interessiert mehr, wie etwas entsteht weil es den Gedankengang viel besser trifft als wenn ich hundert Mal dieselbe Zeile umschreibe bis sie angeblich perfekt ist.

 

GIANNA VIRGINIA PREIN ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt in Wien.

 

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