Louise Bourgeois im Schinkel Pavillon

Review
 Louise Bourgeois Couple  (2003) © The Easton Foundation; Foto: Andrea Rossetti
 Exhibition view © The Easton Foundation; Foto: Andrea Rossetti
 Louise Bourgeois Umbilical Cord  (2003) © The Easton Foundation; Foto: Andrea Rossetti
 Louise Bourgeois Peaux de Lapins, Chiffons Ferrailles à Vendre  (2006) © The Easton Foundation; Foto: Andrea Rossetti
 Louise Bourgeois Spider  (2006) © The Easton Foundation; Foto: Andrea Rossetti
 Louise Bourgeois von links nach rechts: Mother (2006),  Pregnant Woman  (2008),  The Feeding  (2007) © The Easton Foundation; Foto: Andrea Rossetti

Die eines Museums würdige Ausstellung „Louise Bourgeois – The Empty House“ zeigt eine dichte Auswahl aus dem Spätwerk der 2010 verstorbenen Künstlerin, und man ist einmal mehr tief beeindruckt, wie frisch und kraftvoll die in den letzten zwei Dekaden eines langen Lebens geschaffenen Arbeiten sind. Der Schinkel Pavillon wirkt, als wäre er um die „Zelle“ herumgebaut, die in ihrer fragilen Präsenz die Mitte des gläsernen Oktogons wie selbstverständlich einnimmt. „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“ (Kaninchenfelle, Lumpen, Alteisen zu verkaufen, 2006): der Ruf der Lumpensammler, war Bourgeois aus ihrer Kindheit in Paris vertraut, wo die Eltern eine Reparaturwerkstatt für alte Stoffe hatten.

Die Affinität für die Wiederverwertbarkeit alles Stofflichen zieht sich durch Bourgeois’ Werk, in dessen Zentrum immer die eigene Biografie mit ihren Schmerzen und Traumata steht. Im Innern des ovalen Käfigs hängen rosa- und beigefarbene semi-transparente Stoffbeutel an schweren Ketten, dazwischen baumeln kopfüber kleine schwarze, genähte Figuren. Ein hoher Turm aus gestapelten Marmorstückchen sieht aus wie eine geneigte Wirbelsäule und ist von einer Pelzstola gekrönt. Die chiffonartigen Säcke rufen unterschiedlichste Assoziationen hervor: schlaffe Haut, leere Skrota, hängende Brüste. Sie strahlen etwas Abgenutztes und zugleich verführerisch Zartes aus. 

 

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Im Erdgeschoß, in den teils unrenovierten, türkisblau gekachelten Räumen der ehemaligen Schinkel Klause erschließt sich dann das vielschichtige Vokabular jener sac forms, mit denen sich Bourgeois seit den 1990er Jahren eindringlich in ihren Schriften, wie auch skulptural auseinandersetzte, und die hier das erste Mal in konzentrierter Form präsentiert werden, weiter. Es geht um Werden und Vergehen, und um die Rolle als Frau, Mutter und Künstlerin – wobei sich die Rollenverhältnisse zwischen Geben und Empfangen, zwischen Generationen und Geschlechtern ständig verschieben. Jede Geburt eine Revolution. Eine Reihe von Gouachen erscheint wie eine Illustration zu Hannah Arendts Begriff der Natalität, nach dem mit jedem neuen Menschen immer auch ein neuer Eigensinn in die Welt gesetzt wird. Eine hängende, prall-rote Brust scheint einen winzigen Säugling von oben zugleich zu füttern wie zu bedrohen. In einem blass gemalten Frauenkörper entwickelt ein Embryo mit glutroten Augen fast dämonische Züge, ein anderer wiederum steht als Strichmännchen Kopf im Mutterleib. Und dann ist da natürlich auch die Spinnen-Mutter, die Weberin. Einer ausgestopften Stoffskulptur mit dem Titel „Umbilical Cord“ (2003) ist das Ungeborene aufgepfropft, es liegt in einem zarten Säckchen aus Gaze wie in einem Rucksack. Ein anderes Mal umhüllt die Gaze ein Liebespaar. 

 

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2010, kurz vor dem Tod der 98-Jährigen – die siebzig werden musste um als Künstlerin wahrgenommen zu werden – entstand eine Vitrine, in der neben einem geometrischen Bäumchen auf einer voluminösen Matratze eine Traube aus den Berets lagern, die Bourgeois zeit ihres Lebens trug. Gefüllt wie berstende Brüste sind sie Sinnbild von Fruchtbarkeit und Erneuerung. Ein spätes Selbstporträt, das sich gegen das leere Gebäude des schwindenden Körpers aufbäumt – voll und prall, und eben nicht schlaff und leer.

 

Louise Bourgeois
"The Empty House"

Schinkel Pavillon

21.4–29.7.2018

 

EVA SCHARRER ist Kuratorin und Autorin. Sie lebt in Berlin.

 

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