Melancholische Erschöpfung

Riga Biennale 2018
 Alexis Blake "Allegory of the Painted Woman" (2012-15) Courtesy the artist; Photo: Juris Rozenbergs
 Maarten Vanden Eynde "Homo Stupidus Stupidus" (2009) Courtesy of the artist, Meessen De Clercq Gallery, Brussels and private collection, Brussels; Photo: Vladimir Svetlov
 Clemens von Wedemeyer "Transformation Scenario" ( 2018, detail) Courtesy of the artist, Galerie Jocelyn Wolff, Paris and KOW, Berlin; Photo: Andrejs Strokins
 Sputnik Photos "Lost Territories Archive" (2008-16/2018, detail) Courtesy of the artist; Photo: Andrejs Strokins
 Sissel Tolaas "beyond SE(A)nse: Smellers Corner" (2018, detail) Courtesy the artist; Photo: Vladimir Svetlov
 Hannah Anbert " Sacred Work Fashion Collection"  (2016-18) courtesy of the artist; Photo: Vladimir Svetlov
 Henrike Naumann "Eurotique" (2018) Courtesy the artist and KOW, Berlin; Photo: Andrejs Strokins 
 Eve Kiiler "Fenced Garden City: Tallinn" (2016) Courtesy the artist; Photo: Vladimir Svetlov 
 Annaïk-Lou Pitteloud "Neo-Logos" (2017-18, detail) Courtesy of the artist and Barbara Seiler Gallery, Zürich; Photo: Andrejs Strokins
 Marina Pinsky "Stem Assembly Kit, Sunflower Assembly Kit, Orchid, Lily, Sunflower" (2015) Courtesy the artist, C L E A R I N G Gallery, Brussels and 303 Gallery, New York; Photo: Andrejs Strokins
 Katrīna Neiburga Pickled Long Cucumbers (2017, still) Courtesy the artist
 Nikos Navridis "All of old. Nothing else ever..." (2018) Courtesy the artist and Bernier/ Eliades Gallery, Athens/Brussels; Photo: Andrejs Strokins
 Michael Landy "Open for Business" (2018) Courtesy the artist and Thomas Dane Gallery, London; Photo: Katerina Gregos
 Erik Kessels "Chain of Freedom" (2018) Courtesy of the artist; Photo: Erik Kessels
 Kerstin Hamilton "Zero Point Energy"   (2016) Courtesy of the artist; Photo: Vladimir Svetlov
 Stelios Faitakis "The New Religion" (2018, detail) Courtesy of the artist; Photo: Vladimir Svetlov
 Julian Charrière "Tropisme" (2015) Courtesy of the artist and Dittrich & Schlechtriem, Berlin; Photo: Andrejs Strokins  
 Mark Dion "A Tour of The Dark Museum"   (2018) Courtesy of the artist and Waldburger Wouters, Brussels; Photo: Andrejs Strokins
 James Beckett "Palace Ruin" (2016) Courtesy of the artist and Wilfried Lentz, Rotterdam; Photo: Andrejs Strokins

Zum ersten Mal findet in diesem Sommer und Herbst die Riga Biennale, „Riboca1“, statt. Ins Leben gerufen wurde die 104 Künstler und Künstlerkollektive umfassende Ausstellung von der jungen Kunsthistorikerin Agniya Mirgorodskaya mit dem Geld ihres Vaters Gennady Mirgorodsky, eines in Sankt Petersburg tätigen Geschäftsmannes, über den wenig bekannt ist.

 

Offizieller Fokus der 125 Kunstwerke auf acht Ausstellungsorte verteilenden Biennale ist das Thema Wandel, in Szene gesetzt vor dem Hintergrund des sich im Wandel befindlichen Riga. „Everything was forever, Until it was no more“ – den Titel hat die griechische und sich international gesellschaftlichen Themen widmende Kuratorin von „Riboca1“, Katerina Gregos, vom russischen Anthropologen Alexei Yurchak und dessen gleichnamigen Buch, in dem er den Kollaps der Sowjetunion beschreibt. In Gregos’ Biennale geht es allerdings „um die multiplen Dimensionen des Wandels, die wir heutzutage überall erleben“, und nicht nur um den post-sowjetischen. Das internationale Spektrum der Ausstellung ist schwer zu übersehen und anspruchvoll – der Besuch der Biennale in dieser durchs Mittelalter, Jugendstil-Bürgertum und Sowjet-Industrie geprägten Hafenstadt, die politisch und kulturell lange deutsch und dann russisch war, benötigt mindestens drei volle Tage.

 

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Am Anfang des Parcours der thematisch strikt voneinander getrennten Ausstellungsorte steht die ehemalige biologische Fakultät der Stadt, ein 19.Jahrhundert-Gebäude das innen wie außen so ausschaut, als wäre es gestern noch in Benutzung gewesen. Die labyrinthischen Räume – man durchläuft Bibliotheken, Labore, Hörsäle und eine Sammlung ausgestopfter Tiere – bilden die Plattform für Kunstwerke, die den Wandel durch neue Technologien, wissenschaftlichen Fortschritt und das Anthropozän thematisieren. So zeigt Clemens von Wedemeyer hier mit „Transformation Scenario“ (2018) in einem ehemaligen physikalischen Labor zwei aufeinander bezogene Video-Installationen. In einem Raum wird eine Lern-Software projiziert, die zu Übungs- und Analysezwecken von der Polizei genutzt wird, um das Verhalten von Menschenmassen bei Demonstrationen einschätzen zu lernen. Die zweite Projektion ist eine Video-Collage aus realen Bildern, Filmfiktionen und der Crowd-Control-Software, die Transformationsprozesse von analogen zu virtuellen Massen reflektiert. Auch Sissel Tolaas nutzt eine Laborsituation für ihre Arbeit  („The Chemistry Lab Display“, 2018), in der die chemischen Prozesse offengelegt werden, die zu den Laborgerüchen führen, die sie an einem anderen Ort der Biennale als olfaktorische Wandinstallation ausstellt. Vergangenheit und Zukunft des Menschen treffen in Katrīna Neiburgas Videoarbeit „Pickled Long Cucumbers“ (2017) aufeinander. Eine Familie zieht sich darin wie Henry David Thoreaus Walden in die Natur zurück, und ignoriert, dass der Rückzug vom permanenten Hintergrundgrauschen der Zivilisation begleitet wird.

 

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Arbeiten, die historische und politische Veränderungen mit ihren sozialen Konsequenzen verhandeln, wurden von der Kuratorin in der ehemals großbürgerlichen, jetzt verwaisten Wohnung des 1928 verstorbenen Mäzens Kristaps Morbergs, zusammengestellt: so z.B. die Readymade-Rauminstallation „Eurotique“ (2018) von Henrike Naumann, bestehend aus Resopal-Möbeln und nationalistisch anmutendem Kitsch-Dekor, die die gesellschaftliche Radikalisierung im Osten Deutschlands thematisiert. In einem anderen Raum ist ein Teil des Archivs „Lost Territories Archive“ der Gruppe Sputnik Photos hinter abblätternder Tapete installiert, das zwischen 2008 und 2016 entstandenen ist. Die Fotos von Orten, Alltagsituationen und Architekturen in den ehemaligen Sowjetrepubliken dokumentieren den Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus und zeugen von der Unmöglichkeit eines Abschlusses einer politisch und sozial prägnanten Zeit. 

So geht es weiter, jeder der Ausstellungsorte behandelt eine andere Form von Veränderungsprozessen: den Wandel der Arbeitswelt von Industrieproduktion zu Dienstleistungsunternehmen, physische und virtuelle technische Entwicklungen in Zeiten der Beschleunigung, Effekte der aktuellen Veränderungen in der Welt auf das Individuum. Alle Teile sind in Gebäuden, meist ehemaligen Industrieorten, untergebraucht, die ihrerseits fast alle im Wandel begriffen sind: zum Museum, zum Kulturhaus, zur Start-Up-Immobilie etc. Abschließend kommt der renovierte modernistische Bahnhof im nahegelegenen Seebad Jūrmala hinzu.

 

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Noch immer überall zu entdecken ist die Morbidität der Post-Sowjetzeit in der Stadt, doch bald werden wohl auch die letzten Reste dieser Zeit verschwunden sein. Einige Projekte wie „The New Neighbours“ (2018) von Eve Kiiler, die in ihren Fotos alte, prekäre und höchst zeitgenössische Geschäftsgebäude in Tallinn und Riga aufeinandertreffen lässt, sprechen Themen der Region an, doch die meisten ausgestellten Arbeiten sind von darüberhinaus gehender, internationaler Relevanz; wie etwa der Brexit-Kiosk mit entsprechenden Devotionalien von Michael Landy („Open for Business“, 2018). 

Alles stimmt an dieser Biennale. Im gerade richtigen Moment wird das mit Billigfliegern leicht erreichbare Riga, das sich abschließend vom russischen Einfluss befreit zu haben scheint, in den Fokus der Kunstwelt gerückt und alle dafür ausgewählten Werke beziehen sich auf Formen des von Gregos adressierten Wandels. Das ist sauber und großformatig mit offenbar viel Geld kuratiert. Und vielleicht hat man gerade deshalb am Ende eine präzise kuratierte aber keine überwältigende Ausstellung gesehen. Insgesamt weniger und eigenständigere Arbeiten hätten dieser Biennale sehr gut getan, denn als Betrachterin fühlt man sich bei der Abreise dem Zustand der Tänzerinnen nahe, die in scheinbar vollkommener Erschöpfung Alexis Blakes Performance „Allegory of the Painted Women“ (2012-15) aufgeführt haben: Zwei Frauen tanzen in einer immer schneller werdenden Wiederholungsspirale Posen weiblicher Figuren wie die der Göttin Diana, der Maria und der Judith, die am Ende kaum noch unterscheidbar sind. Es ist dieser Eindruck von Nivellierung durch Verausgabung, eine melancholische Erschöfpung, der auf die gesamte Ausstellung und den Besuch Rigas abfärbt. Ein Besuch ist dennoch unbedingt zu empfehlen, „Riboca1“ läuft noch bis Ende des Monats.

 

"Riboca1– Everything was forever, Until it was no more“
Riga Biennial
2 June – 28 October 2018

 

KIRSA GEISER ist Herausgeberin von Index Berlin, Autorin, Kuratorin und Beraterin. Sie lebt in Berlin.

 

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